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Miriam Paeslack: „Berlin im 19. Jahrhundert – Frühe Photographien 1850 – 1914“

Am: | Februar 24, 2016

Miriam Paeslack: „Berlin im 19. Jahrhundert – Frühe Photographien 1850 – 1914“Berlin vollzog den Sprung von der preußischen Garnisonsstadt zum urbanen Zentrum Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese für die Stadt und ihre Bevölkerung mit fundamentalen Umwälzungen verbundene Zeitspanne wird durch den vorliegenden Bildband mit frühen Photographien dokumentiert.

Es war eine durch den technologischen Fortschritt der Industrialisierung ausgelöste Entwicklung, die das Gesicht der Stadt grundlegend änderte. Der massenhafte Zustrom von Arbeitskräften, die die neuen Industrien erforderten, ließ die Stadt explosionsartig wachsen, spornte die Stadtplanung und den Wohnungsbau zu immer größeren und gewaltigeren Bauprojekten an und führte schließlich zu jenen umwälzenden Urbanisierungsprozessen, die wir mit dem Wachstum der Städte im 19. Jahrhundert allgemein — und mit der Herausbildung der Metropole Berlin als einer Stadt der Moderne im Besonderen — verbinden.

Berlin ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „amerikanischste Stadt Europas“ sowie die drittgrößte Metropole der Welt. Diese Entwicklung wäre nicht möglich gewesen, wenn die Stadt in den Jahrzehnten davor nicht den Mut gefunden hätte, sich von Grund auf zu verwandeln, das Alte hinter sich zu lassen und dem Neuen mit einer beneidenswerten Zuversicht und einem unverbrüchlichen Fortschrittsglauben entgegenzusehen.

Die Ergebnisse dieser rasanten Entwicklung sind uns bekannt. Nicht selten betrachten wir sie – wie übrigens auch schon bald nach dem Ersten Weltkrieg die progressiven Kräfte unter den Architekten und Stadtplanern – als Bausünden. Denken wir nur an die Mietskasernen mit ihren sechs, sieben, acht Hinterhöfen, in die kaum Licht fiel; denken wir an die überfüllten, viel zu engen Wohnungen und an die katastrophalen Lebendbedingungen in den Armutsvierteln der Großstädte jener Zeit.

Doch der vorliegende Bildband zeigt neben dem Wandel vor allem auch die Zeit davor. Seine alten und detailreichen Photographien werden auf diese Weise zur Bestandsaufnahme einer verschwundenen Stadt und ihrer Bürger. Es ist das Alte Berlin, das hier portraitiert wird, und es ist eine Welt, die wir nicht mehr kennen und von der uns auch kein lebender Augenzeuge mehr erzählen könnte, wie es war.

Es ist die Kulisse einer vergangenen Zeit, die uns heute fremd ist; es ist die Staffage eines Stücks des Bürgerlichen Realismus, der szenische Hintergrund der Fontane-Romane; es ist all dies, aber es hat nichts mehr mit dem Berlin zu tun, was wir heute zu kennen glauben. Und doch sind die Namen der Straßen und Plätze oftmals gleichgeblieben. Sie deuten an, dass hier eine Wandlung vonstattenging, die nicht nur die Oberflächen betraf, sondern in die Tiefe ging und gehen musste.

Ohne diese Verwandlung hätte Berlin nicht diesen Entwicklungssprung vollziehen können. Wie ein Schmetterling, der sich zunächst von dem Kokon seiner Raupen-Zeit befreien muss, um durch die Luft fliegen und seine ganze Schönheit präsentieren zu können, so musste auch Berlin erst einmal die alten Kleider ablegen und sich radikal umstrukturieren – oder wie man heute sagen würde, sich einen neuen Style verpassen lassen.

Die hier versammelten Bilder stammen zumeist von Berufsphotographen. Diese Tatsache ist natürlich auch jener Zeit geschuldet, in der sich die Photographie noch nicht als ein Massenmedium etabliert hatte, sondern nur von wenigen Profis als profitables Handwerk betrieben wurde. Die photographischen Apparate, in der Regel große Plattenkameras – waren sehr teuer und nur für Wenige erschwinglich.

So finden wir Aufnahmen von Friedrich Albert Schwartz, Hermann Rückwardt, Waldemar Titzenthaler, Ernst von Brauchitsch und anderen Photographen. Doch bereits seit den 1880er Jahren änderte sich das Bild, nachdem leichtere und preisgünstigere Handkameras auf den Markt kamen. So finden sich auch einige Amateuraufnahmen in diesem prächtigen Bildband.

Eine ganz besondere Ausnahme sind die frühen Photographien des Zeichners und Künstlers Heinrich Zille, die in einer Auswahl auch in diesem Bildband Einzug halten. Ihre Spontaneität und Schnappschuss-Qualität macht Zilles Fotos zu einzigartigen Zeitdokumenten, die weniger die Architektur, als den Menschen seiner Zeit portraitieren und auf diese Weise das Gesamtbild jener unbekannten Stadt Berlin im 19. Jahrhundert komplettieren.

Die schwerpunktmäßige Verwendung von großen Plattenkameras für die Stadtansichten bringt es mit sich, dass wir hier Aufnahmen von höchster Schärfe und Auflösung vor uns haben. Diese Qualität wird durch eine entsprechende Rasterung und Druckqualität beibehalten, so dass man seine Freude an diesen historischen Aufnahmen durch die Benutzung einer Leselupe noch einmal steigern kann!

Die Panoramablicke vom Roten Rathaus, Ballonaufnahmen und viele Photographien der alten Mitte Berlins mit dem Stadtschloss und anderen herrschaftlichen Bauten, die zum Teil verschwunden sind, lassen diese Zeitreise in die Berliner Vergangenheit zu einem echten Erlebnis werden. Das längst abgerissene mittelalterliche Krögel-Viertel feiert hier ebenso seine photographische Auferstehung wie die alte Fischerinsel oder die Ansichten der ehemaligen Dörfer rund um Berlin. Diese Reise in dörfliche Landschaften wird kontrastiert durch den Aufbau der für Berlins Entwicklung so wichtigen Industriestandorte von Borsig, Siemens und anderen Unternehmern.

Begleitet wird diese umfangreiche und hervorragend kuratierte Bildauswahl durch eine Einführung von Miriam Paeslack, die Kunst- und Rechtsgeschichte studierte und in Freiburg promoviert wurde. Sie hält zurzeit eine Professur für Visual Culture an der University of Buffalo im Bundesstaat New York inne.

Wer mit eigenen Augen sehen möchte, wie sich das Gesicht Berlins von einer Ackerbürgerstadt zur Metropole gewandelt hat, muss dieses Buch haben! Man wird kaum eine bessere Vorstellung von jener gewaltigen Dynamisierung des Lebens in einer Großstadt des 19. Jahrhunderts bekommen, als durch die Betrachtung dieser Photographien. Indem man die Bilder in diesem Buch genau inspiziert und sich von den Menschen, die man auf diesen Photographien entdeckt, ansprechen lässt, ist man in der einmaligen Lage, die deutsche Metropole auf ihrem Weg vom Kaiserreich in die Moderne zu begleiten und mit allen Sinnen zu verstehen, was es bedeutet haben muss, in jener Zeit gelebt zu haben.

 

Autor: Miriam Paeslack
Titel: „Berlin im 19. Jahrhundert – Frühe Photographien 1850 – 1914“
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Schirmer Mosel
ISBN-10: 3829607229
ISBN-13: 978-3829607223

 

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