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Alain de Botton: „Die Nachrichten – Eine Gebrauchsanweisung“

Am: | Februar 15, 2016

Alain de Botton: „Die Nachrichten – Eine Gebrauchsanweisung“Der Autor ist für sein Talent bekannt, seinen Lesern scheinbar selbstverständliche oder nebensächliche Sachverhalte unserer Kultur aus einer neuen Perspektive zu präsentieren und auf diese Weise den Prozess einer bewussten Reflexion auszulösen. So hat er uns über die philosophische Bedeutung des Reisens aufgeklärt, uns die Zusammenhänge von Arbeit und Freizeit nahegebracht sowie einen philosophischen Trostspender für alle Lebenslagen herausgegeben. Jetzt geht es um Nachrichten, um die Massenmedien also, und die Besonderheiten ihrer Art der Informationsvermittlung.

Massenmedien sind keine Container für Informationen, soviel ist wohl jedem klar. Die in den und durch die Massenmedien publizierten Informationen, zu denen neben seichten Unterhaltungshäppchen, Sport- und Spiel-Informationen sowie den schönen Belanglosigkeiten aus der Welt der Yellow Press eben auch Nachrichten zählen, sind niemals wertfrei, sondern immer intentional. Hinter jeder Publikation eines Nachrichten-Bytes steht eine Intention. Man will informieren, will die Informationsströme leiten – und zwar genau in jene Richtung, die dem jeweiligen Auftraggeber, dem Sender-Chef oder dem ihm entsprechenden Aufsichtsrat, vorschwebt.

Das ist eine legitime Absicht, denn schließlich gehört jeder Sender irgendjemandem. Und jeder Sender kostet seinen Betreiber Geld. Was für die Untersuchung der privaten Sendelandschaft relativ einfach und naheliegend ist – nämlich der Umkehrschluss, das immer nur das gesendet wird, was den jeweiligen Sponsoren, Werbetreibenden und anderen Geldgebern genehm ist -, wird schon etwas komplexer, wenn wir uns die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten anschauen. Aber auch hier gibt es natürlich einen Aufsichtsrat, ein Gremium von Verantwortlichen, das seinerseits nach bestimmten Auswahlkriterien proportional aus Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Kirchen zusammengesetzt ist.

Es wäre naiv zu glauben, dass solche Räte keinen Einfluss auf die Sendegestaltung im Allgemeinen und auf die Auswahl und Färbung der gesendeten Informationen im Einzelnen nähmen. Natürlich tun sie das! Und genau genommen, haben sie auch das Recht dazu.

Worum es de Botton aber eigentlich in seinem praktischen Ratgeber geht, ist, dem Leser eine Art Gebrauchsanweisung an die Hand zu geben, die es ihm ermöglicht, kompetent und medienbewusst mit dieser Nachrichtenauswahl umzugehen. Es geht letztlich um Medienkompetenz, die viele von uns zu besitzen meinen, jedoch schnell eines Besseren belehrt werden, wenn sie de Bottons Buch lesen.

Zu schnell und zu leicht lassen wir uns nämlich trotz aller Voreingenommenheit den Medien gegenüber von diesen vereinnahmen und auf ihre Seite ziehen. Die Beschwörungsformel von der sogenannten „öffentlichen Meinung“ funktioniert fast immer. Es ist die simple Behauptung einer Mehrheitsmeinung, der sich anzuschließen doch eine gute Sache wäre… Meistens wird diese öffentliche Meinung durch beeindruckende Statistiken untermauert, deren Zahlen eindeutig sind. – Eindeutig zweideutig ist jedoch jede Statistik, und die Richtigkeit jener hinlänglich bekannten Empfehlung, nur jener Statistik zu vertrauen, die man auch selbst gefälscht habe, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Alain de Botton hat diesen Text über die Nachrichten, wie fast alle seine Bücher, in Englisch verfasst. Übersetzt wurde er (übrigens wirklich gut, wenn man ihn mit dem englischen Original vergleicht!) von Barbara von Bechtolsheim. Wahrscheinlich um dem Leser die zeit- und themennahe Benutzung des Buches zu erleichtern, hat er seine Gebrauchsanweisung der Nachrichten in sechs Themenbereiche unterteilt: Politik, Ausland, Wirtschaft, Prominenz, Katastrophen, Konsum. Diese Aufteilung ist nicht gleichbedeutend mit einer Gewichtung der Themen, wovon sich jeder ein Bild machen kann, der einmal den Fernseher oder das Radio einschaltet.

Je nach Senderprofil, Uhrzeit und Region bilden die Nachrichteninhalte aus dem einen oder anderen Bereich unterschiedliche Schwerpunkte. In Zeiten des neuen Kalten Krieges sind es vor allem die Katastrophen, die Flüchtlingswellen und andere umwälzende Neuigkeiten, die die Nachrichtensendungen bestimmen. Prominenz geht sowieso immer. Und der Rest der Nachrichten wird oft durch den Themenkomplex Konsum und Unterhaltung abgedeckt.

Im Konsum werden die Nachrichten schnell zu dem, was sie auch in anderen Bereichen oft sind, auch wenn es dort nicht so augenscheinlich ist, wie im Bereich Konsum: Werbung. Werbung ist ebenfalls immer intentional. Es soll etwas verkauft werden, und die Leute sollen von einer Sache überzeugt werden. Sie wollen sie haben, denn ihr Erwerb oder Verbrauch verspricht Glück und Zufriedenheit, signalisiert Wohlstand und Status.

Was hier über die Werbeversprechen gesagt wurde, gilt in übertragenem Sinn auch für Nachrichten anderer Art: Der Sender will durch die Verkündigung einer Nachricht nicht nur eine Aussage über deren Inhalte sagen; sondern im Sprechakt übermittelt er gleichzeitig die Botschaft, dass diese Nachricht wichtig ist (und andere nicht) – und dass sie richtig, d.h.: wahr ist. Um dies behaupten zu können, benötigt der Nachrichtensprecher eine gewisse Kompetenz sowie eine Autorität, die er einerseits durch die Sendeanstalt erhält, in deren Rahmen er die Nachrichten vorliest und verkündet, und die er andererseits auch von seinen Zuschauern erhält, die sich seine Sendung anschauen und ihn als einen kompetenten und die Wahrheit verkündenden Sprecher akzeptieren.

Niemand ist sich einer solchen Komplexität der Nachrichtenübermittlung immer und überall bewusst; deshalb funktioniert es auch in den meisten Fällen, falsche Nachrichten und Halbwahrheiten unters Volk zu bringen. Alain de Botton appelliert somit in seinem Buch an die Achtsamkeit der Medienrezipienten und ruft dazu auf, den Nachrichten nicht blindlings zu vertrauen.

Im Idealfall müsste man jede Nachricht reflektieren, hinterfragen und auf ihre Richtigkeit prüfen, indem man zumindest weitere Quellen zu Rate ziehet und in einem langwierigen Prozess zu einem Abgleich aller vorhandenen Informationen, auch der sich widersprechenden, zu einem Abgleich zu kommen, dessen Wahrheitsgehalt dann mit einiger Wahrscheinlichkeit als sicher gelten kann. Doch wer hat schon die Zeit und verfügt vor allem über den Zugang zu solch einer Vielzahl an Informationsquellen (möglichst primärer Art!), um sich ein entsprechend umfassendes Bild zu machen?

Und die nächste Frage, die sich gleich im Anschluss stellt, ist: Will man das überhaupt? Reicht es nicht für mein normales Leben aus, wenn ich mir einen einigermaßen schlüssig scheinenden Überblick über das Weltgeschehen mache, dessen direkte Auswirkungen auf mein ganz persönliches Leben in den allermeisten Fällen sowieso nur ganz marginal, wenn überhaupt, sein dürften? An dieser Stelle wird außerdem noch die soziale Funktion der Nachrichten deutlich: Angenommen, wir würden wirklich den Aufwand betreiben, unsere Informationen anhand einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen abzugleichen und kämen daraufhin zu dem Schluss, dass die Nachrichtensendungen der großen Sender, die von den allermeisten Menschen als einzige Quellen mehr oder weniger unreflektiert konsumiert werden, die Unwahrheit sagen: Welchen Nutzen könnten wir aus dieser Erkenntnis ziehen?

Natürlich wären wir unter unseren Mitmenschen mit Abstand der Bestinformierte, allerdings wären wir gleichzeitig auch automatisch isoliert, weil wir die Meinung der Massen über die Nachrichten des Weltgeschehens, der Prominenz und der Wirtschaft nicht teilten, sondern unsere eigene Meinung hätten! Was in Bezug auf die individuelle Erkenntnis von Vorteil ist, gestaltet sich auf der anderen Seite als soziale Katastrophe. Denn wir würden schnell als seltsamer Vogel außerhalb jeder Gemeinschaft stehen und als Eigenbrötler oder Querulant stigmatisiert.

Die Wahrheit liegt jedoch, wie immer, in der Mitte: Wir sollten uns, so Alain de Botton, nicht weismachen lassen, dass alles, was da draußen gesendet und behauptet wird, immer auch den Anspruch erheben kann, objektiv oder gar wahr zu sein. Er gibt uns mit seinem Buch eine Gebrauchsanweisung an die Hand, deren Gebrauch wir so lange üben sollten, bis es uns zur selbstverständlichen Routine geworden und in Fleisch und Blut übergegangen ist. Es ist im Grunde der uralte Rat, den alle Eltern an ihre Kinder geben: „Glaube nicht alles, was Du hörst!“ – Wer diesen Rat beherzigt und mit wachem Blick auf die bunte und verführerische Welt der Informationen schaut, dem kann man so leicht nichts vormachen. Der wird auch nicht alles glauben und weiterplappern, was ihm vorgesagt wird. Und der wird schließlich auch seinen eigenen Kopf dafür gebrauchen, wozu er gemacht ist: zum eigenen Denken!

 

Autor: Alain de Botton
Titel: „Die Nachrichten – Eine Gebrauchsanweisung“
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch
ISBN-10: 3596032466
ISBN-13: 978-3596032464

 

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