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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Telefon-Interview mit Rebekka Reinhard am 19.11.15 über ihr Buch „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“

Am: | November 23, 2015

Rebekka Reinhard (C) Peter LindberghRALPH KRÜGER: Hallo, Frau Reinhard! Schön dass wir uns am Telefon über ihr neues Buch, die „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen“ unterhalten können. Sie haben ja schon eine ganze Reihe von Büchern geschrieben: über die Sinn-Diät, über die Schönheit, über Mode, über das Irren… – nun also ein Buch über die Philosophie der Macht, aber speziell für Frauen. zunächst stellt sich mir die Frage, wie Sie auf das Thema gekommen sind. Vielleicht ist die Antwort ja nahe liegend, aber vielleicht können Sie uns zum Einstieg ein wenig über Ihre Motivation erzählen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

REBEKKA REINHARD: Das ist eine gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Denn in der Tat habe ich mich selbst in meiner Identität nie als besonders fraulich oder weiblich empfunden, weil ich mich selbst schon immer sehr stark mit meiner philosophischen Tätigkeit identifiziert habe. Ich habe mich also schon immer mit Schreiben, mit logischem und analytischem Denken, mit philosophischem Argumentieren beschäftigt; außerdem habe ich auch keine typische Frauen-Biographie: Ich habe keine Familie, ich habe keine Kinder, ich bin nicht verheiratet. – Ich habe aber doch gemerkt, als ich auf die 40 zugegangen bin, dass ich diesem Thema „Frau-Sein und weibliche Identität“ nicht ausweichen kann. Dass man doch qua Sozialisation und qua Gesellschaft schon in diese Schublade „Frau“ gesteckt wird, auch wenn man sich selbst vielleicht ganz anders definiert, in meinem Fall als Nonkonformistin. Dann bin ich vom Thema Frau-Sein auch schnell auf das Thema Macht gekommen, weil ich in meiner philosophischen Beratung, im klinischen Bereich, in dem ich bis zum vergangenen August insgesamt acht Jahre lang tätig war, sowie im Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder die Erfahrung gemacht habe, dass Frauen mit diesen vermeintlich männlich besetzten Macht-Begriff überhaupt nichts anfangen können, weil er ihrem Selbstverständnis von Frau-Sein und Weiblichkeit widerspricht.

RALPH KRÜGER: Sie beginnen Ihr Buch ja auch mit einer Definition des Macht-Begriffs selbst. Sie konstatieren zunächst, dass Macht meistens negativ definiert wird: Macht ist etwas, das Zwang ausüben kann, was Leute in eine Richtung presst, in die sie aus eigenem Antrieb nicht gehen wollen und so weiter. Ich denke, diese negative besetzung des Macht-Begriffs findet sich nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern. – Dem halten Sie unter Anderem die Macht-Definition von Max Weber entgegen, der Macht als etwas versteht, was sich nur „in und durch Handeln“ manifestiert.

REBEKKA REINHARD: Mir geht es einfach darum zu zeigen, dass wir in unserem Alltag in der Regel mit einem völlig ungenauen und negativ konnotierten Machtbegriff operieren. Was Sie eben gerade beschrieben haben, da würde man als Philosoph sofort mit Luhmann einhaken und sagen: Moment, Macht hat zunächst überhaupt nichts mit Zwang zu tun! Zwang bedeutet, dass derjenige, der gezwungen wird, keinerlei Freiheit mehr hat, wie zum Beispiel ein Sklave. Ansonsten lässt jede Macht, die auf eine Macht eines Oberen über einen Unteren aus ist, dem Unteren immer noch einen Freiraum, sich zu dieser Macht des Oberen zu verhalten. – Es ging mir also darum, bei dieser Definition wirklich genau zu sein. Max Weber ist sicherlich auch ein wichtiger Gewährsmann. Aber noch wichtiger ist mir die etymologische Bedeutung des Wortes „Macht“. Macht an sich ist weder gut noch böse, sondern Macht kommt zuallererst von Machen. Macht hat mit Können, mit Vermögen und mit Potenz, mit der lateinischen potentia zu tun – dem Vermögen, etwas zu gestalten, zu verändern und zu beeinflussen. Das ist der Macht-Begriff, mit dem ich in diesem Buch operiere.

RALPH KRÜGER: Sie erzählen in Ihrem Buch ja auch die Geschichte von „Herr und Knecht“, die von Hegel stammt und in der die wechselseitigen Machtverhältnisse sehr schön und anschaulich beschrieben sind. Sie haben aber soeben schon eines der wichtigen Schlüsselwörter Ihres Buches benannt: das Potenzial, das Sie jedoch in Ihrem Buch auf zwei verschiedene Weisen schreiben und auch voneinander unterscheiden – einmal das Potenzial, normal geschrieben, und dann das Potenz-ial, mit Bindestrich. Vielleicht können Sie kurz den Unterschied erklären.

REBEKKA REINHARD: In unserem Kontext der neoliberalen Gesellschaft und des Hyperkapitalismus hören wir ständig das Wort Potenzial-Entfaltung. Es ist ein buzz word in der Welt der Unternehmen. Gerade auch der modernen Frau trichtert man gerne ein, sie solle doch bitte ihre Potenziale voll entfalten und in allen Rollen performen und perfekt sein. Das ist in etwa die Botschaft, die von der neoliberalen Gesellschaft bei der modernen Frau ankommt. Ich möchte aber genau diesen Kontext, in dem da das Wort Potenzial verwendet wird, unterscheiden von meinem Begriff des Potenz-ials, bei dem es eben gerade nicht um das neoliberale Ziel der Gewinnmaximierung und der Steigerung des kapitalistischen Profits und darum geht, etwas zu erwirtschaften, was dann letztlich in einem Raubbau an der Person endet, die diese Potenziale entfaltet. Dies ist im Grunde eine Pervertierung des eigentlichen Potenz-Begriffes. ich finde, es sollte bei der Potenz-ial-Entfaltung (mit Bindestrich) viel mehr darum gehen, dass wir uns unserer eigenen unverwechselbaren Vermögen bewusst werden und überlegen, was wir tun können, und dass dabei speziell wir Frauen zunächst einmal unser Hirn einschalten: Was können wir tun, um unsere spezielle Einzigartigkeit in die Welt zu tragen und die Welt zum Positiven zu verändern? Aber eben auch um uns selbst zu verändern, damit unser Leben frei und glücklich wird.

RALPH KRÜGER: Sie machen das Ganze fest an der neoliberalen Gesellschaft un dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, was natürlich völlig richtig ist. Doch genau genommen, braucht man gar nicht so weit auszuholen. Es findet doch auch schon im ganz normalen Arbeitsalltag ein Machtspiel statt, wenn ein Vorgesetzter von einer Angestellten verlangt, sie solle ihre Potenziale entfalten, um möglichst effizient und gewinnbringend zu arbeiten. Auch dann stellt man seine Potenziale in den Dienst eines Anderen, anstatt sie für die eigenen Ziele zu verwenden. Was Sie jedoch mit dem Bindestrich-Begriff Potenz-ial meinen, wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist, dass man seine Talente nutzen soll nicht nur für das eigene Wohl, sondern auch für das Gemeinwohl, für die gute Sache, und dass man sich einem höheren Gut verpflichtet fühlen soll.

REBEKKA REINHARD: Ganz genau.

RALPH KRÜGER: Das eigentliche Problem beginnt jedoch viel früher. Ich spreche von dem klassischen Rollenmuster, das wir heute noch leben, und hierbei meine ich sowohl die Frauen wie auch die Männer. Aufgrund von Erziehung und den gesellschaftlichen Normen begeben wir uns immer noch in alte Rollenklischees, die zumindest qua Gesetz so nicht mehr bestehen oder bestehen sollten, wenn wir nur an die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Mann und Frau denken. In diesem Zusammenhang fällt auch der Begriff vom Zwei-Sphären-Modell, das der frau in der modernen Gesellschaft einen Rollenspagat aufzwingt zwischen der Rolle der Mutter und Ehefrau auf der einen und der erfolgreichen Karrierefrau auf der anderen Seite. Sie begibt sich nicht ganz freiwillig in diese Doppelrolle, sondern der gesellschaftliche Druck auf die moderne Frau erscheint mir ziemlich hoch.

REBEKKA REINHARD: Ich würde auf keinen Fall die Frau nur als Opfer gesellschaftlicher Zwänge oder bestimmter überkommener geschlechtsspezifischer Stereotypen ansehen wollen, sondern ich denke schon, dass es viele Ursachen gibt: institutionelle, politische, ökonomische und familiäre Gründe. Natürlich ist es auch praktisch, wenn Mann und Frau jeder ihren Bereich haben und sich die Arbeit aufteilen; das kann man doch wirklich pragmatisch entscheiden. Trotzdem würde ich sagen, dass die Schuld oder die Ursache nicht immer nur im Außen zu sehen ist, sondern auch darin, dass Frauen leider nicht genug bereit sind, diese Zwänge auch kritisch zu reflektieren. Es gibt sicherlich auch Fälle, wo ich nicht anders entscheiden kann und mich diesem Zwei-Sphären-Dilemma unterwerfen muss; aber es gibt genauso andere Situationen, in denen ich sehr wohl frei bin. Ich muss nicht überall perfekt sein, ich muss nicht alles machen. Dieses Buch hat einen humorvollen, aber auch kritischen Ton, und es verlangt Selbstironie von der Leserin; ich habe es vor allem geschrieben, um den Frauen zu helfen – und ich zähle mich selbst als Frau natürlich auch dazu -, dass wir uns selbst denkend von diesen Automatismen des Denkens, Fühlens und Handelns befreien, die nicht mehr zeitgemäß sind. Ich möchte dieses Buch auch verstanden wissen als eine „Kampfschrift für selbstbestimmtes weibliches Denken“ und aufgeklärtes weibliches Denken – durchaus auch im Kantischen Sinne.

RALPH KRÜGER: Ich habe im Zuge meiner Recherchen auf Ihrer Homepage ein Schlagwort entdeckt, das zwar, wenn ich es richtig gelesen habe, nicht in Ihrem Buch steht, das jedoch, wie ich finde, sehr gut passt: „Female Empowerment“.

REBEKKA REINHARD: Ah ja, genau!

RALPH KRÜGER: Female Empowerment, verstanden als eine Art mentales Aufbauprogramm zum „Ausgang der Frau aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit“, um hier einmal Kant, den – wie Sie ihn nennen – „besten Mentaltrainer aller Zeiten“ zu zitieren. Könnte man also dieses Schlagwort als Programmvorgabe über Ihr neues Buch stellen? geht es Ihnen nicht letzten Endes um ein Female Empowerment, um eine Bemächtigung der Frau, sich ihres eigenen Denkapparates…

REBEKKA REINHARD: … zu vergewissern und zu bedienen, aber nicht nur im Sinne eines reinen Denkens um des Denken willens, sondern um daraus auch Konsequenzen für ihr Handeln und ihre Lebensgestaltung insgesamt zu ziehen. Das ist mir sehr wichtig: Ich wollte eben auch ein Buch schreiben, das gerade nicht mit dieser gendertypischen Aufteilung beginnt – Frau ist so, Mann ist so -, sondern diese speziellen Rollenproblematiken kommen erst im dritten Teil des Buches. Mir war es wichtig, bei der Beziehung der Frau zu sich selbst anzufangen und in ihrem eigenen Gehirn, weil ich denke, dass jegliche philosophische Emanzipation zunächst bei mir selber beginnt und nicht, indem ich erst einmal extern irgendwelche Schuldigen finde.

RALPH KRÜGER: Da stimme ich Ihnen zu. Ich würde jedoch gerne noch einmal auf die Opferrolle zu sprechen kommen, in die sich so viele Frauen freiwillig begeben. In Ihrem Buch habe ich da einen ganz interessanten und wichtigen Aspekt gefunden. Sie schreiben an betreffender Stelle: „An sich selbst denken, ist nicht egoistisch, sondern klug. Sich selbst zu ignorieren, ist hingegen egoistisch.“ – Warum ist es das? Weil man die Verantwortung für das eigene Leben, die man eigentlich selber tragen sollte, auf Andere abwälzt. Wenn man nun wie die typische perfektionistische Frau die ganze Zeit in diesem Hamsterrad läuft und sich permanent selbst überfordert, indem man alle Aufgaben erledigt, die an einen herangetragen werden, und auch die anderen Aufgaben mit übernimmt, die nicht explizit an einen herangetragen werden, aber die man auf dem Weg findet, so kommt man in eine Überforderungssituation, die oftmals in einen klassischen Burn-out mündet, für den man dann jedoch die Anderen verantwortlich macht und nicht sich selbst. – Solch ein Verhalten ist letzten Endes egoistisch, das fand ich interessant und erhellend. Denn normalerweise würde man ja denken: Wenn ich immer nur an mich selber denke, handele ich egoistisch. Es gibt aber eben auch eine Verantwortung, die man sich selbst und seinem Leben gegenüber hat, und deren Übernahme zunächst gar keine egoistischen Züge im pejorativen Sinne hat.

REBEKKA REINHARD: Sie haben Recht, das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, der eine große Relevanz hat für das typische weibliche Denken. Wie ich ja auch an anderer Stelle schreibe, verwechseln Frauen gerne Denken mit Grübeln. Gerade dieses An-sich-selber-Denken im Sinne eines Denkens an die eigene Bedürfnisse und Wünsche wird geradezu reflexartig von vielen Frauen auch noch im Jahr 2015 mit Egoismus gleichgesetzt. Ich möchte meine Leserinnen liebevoll-kritisch daran erinnern, dass diese systematische Leugnung der eigenen Bedürfnisse qua übersteigertes Verantwortungsbewusstsein für Andere dazu führt, das man der eigenen Verantwortung für sein eigenes Leben niccht mehr gerecht wird mit der Folge, dass eben irgendwann der Zusammenbruch erfolgt – mental, körperlich, wie auch immer – und dass dann das Umfeld, die Familie, gar nicht anders kann, als die Scherben dieser jeweiligen Frau zusammen zu klauben. Spätestens dann hat sie sich auch objektiv etwas vorzuwerfen, denn dann verlangt sie ja die totale Aufmerksamkeit von den Anderen, was sie ja nie wollte. Das wäre dann sozusagen eine Form von unintendiertem Egoismus.

RALPH KRÜGER: Damit es nicht mehr in diese Richtung geht, möchten Sie den Frauen Mut zur Macht machen. Ihr Buch unterteilt sich in drei große Abschnitte, und Sie haben den Frauen einen hübschen Werkzeugkasten zusammen gestellt, der elf Machtinstrumente enthält. Den ersten Abschnitt nennen Sie „Frauen am Abgrund“: Darin geht es vor allem um das Selbstbild der Frau…

REBEKKA REINHARD: Im ersten Abschnitt geht es zunächst um den Umgang der Frau mit sich selbst. Es geht also nur bedingt um das Selbstbild, denn viele Frauen nehmen sich selbst ja gar nicht wahr, weil sie permanent „außer sich selbst“ sind.

RALPH KRÜGER: Den zweiten Teil haben Sie überschrieben mit „Frauen mit Maulkorb“: Darin geht es dann um die vielen Denkbaustellen und die Denkverbote, die sich Frauen selbst auferlegen. Sie hatten eben schon das Grübeln angesprochen; dann die Unfähigkeit, Nein zusagen und das übersteigerte Harmonie-Bedürfnis.

REBEKKA REINHARD: In diesem zweiten Teil geht es überwiegend um die Beziehungen der Frau zu den Anderen sowie um das Kommunikationsverhalten. Frauen bewegen sich tendenziell zu sehr in ihrer eigenen Gedankenwelt, als wirklich den Mund aufzumachen, wenn es um die Artikulation ihrer Wünsche und Bedürfnisse geht.

RALPH KRÜGER: Im dritten und letzten Teil begegnen uns dann die „Frauen ohne Schnurrbart“. Hier geht es um das Geschlechterverhältnis und die falschen Annahmen der Frauen, die Männer seien kompetenter als sie, dass nur die „artigen Mädchen“ gemocht werden, dass Frauen Angst vor den Männer haben sollten. Dann begegnet uns noch der sehr interessante Trugschluss, dass Frauen insgesamt moralischer seien als Männer und deswegen machtloser wären.

REBEKKA REINHARD: Ich würde auch sagen, dass das ein Vorurteil ist.

RALPH KRÜGER: Sie entkräften das ja auch in Ihrem Buch durch sehr handfeste Beispiele von durchaus unmoralischen und trotzdem sehr machtvollen Frauen. – Wenn man jetzt aber nach dem roten Faden sucht, so wird man ihn schnell finden. Es geht Ihnen letztlich darum, die Frau aus ihrer selbstgewählten Opferrolle, aus ihrem Grübeln und ihrem perfektionistischen Selbstanspruch zu befreien und ihr Mut zum Selbstdenken zu machen. So soll die Frau zunächst ein Selbstbewusstsein entwickeln, zur Selbsterkenntnis ihrer eigenen Potenz-iale gelangen und diese dann nutzbringend für sich selbst und die eigenen Ziele einsetzen.

REBEKKA REINHARD: Da würde ich gerne noch ergänzen wollen: Sicherlich ist der erste Schritt, an sich selbst zu denken und sich seiner selbst bewusst zu werden als eine autonome und souveräne Persönlichkeit. Aber der zweite Schritt ist dann aber schon, etwas zu tun für das weibliche Wir, wie ich es im letzten Kapitel beschrieben habe. Die Frau müssen erkennen: Wir sind viele und wir sind wahnsinnig unterschiedlich! Neben diesen ganzen Zwängen, geschlechtsspezifischen Konventionen und Stereotypen haben wir heute so große Freiheiten wie nie zuvor in der Geschichte. Dies gilt es zu erkennen und diese Freiräume auch zu nutzen – für sich selbst, aber eben auch für die Freundinnen und für die Töchter, weil sonst eben immer nur alles beim Alten bleibt.

RALPH KRÜGER: Völlig richtig. Diesen Punkt wollte ich auch gleich noch ansprechen. Sie schreiben ja, dass die weibliche Machtentfaltung eben gerade nicht in einem weiblichen Konkurrenzdenken vollzogen werden soll, sondern dass es statt eines Gegeneinanders aller gegen alle zu einem offenen solidarischen Miteinander, auch der Geschlechter, kommen müsste. In diesem Zusammenhang erwähnen Sie an späterer Stelle in Ihrem Buch auch die Sorge-Ethik, die Care-Ethik. Können Sie uns dazu kurz etwas sagen?

REBEKKA REINHARD: Die Care-Ethik ist eine Ethik der feministischen Philosophie gewesen, die speziell von einem weiblichen Rollenbild ausgeht oder ausging. Ihre Grundthese war, dass Frauen generell die besseren und moralischeren Menschen sind, weil ihnen Fürsorglichkeit einfach eigen ist. Die Welt würde besser werden, wenn auch die Männer lernten, diese Ethik der Sorge zu internalisieren.

RALPH KRÜGER: Die Männer sollten also bessere Frauen werden…

REBEKKA REINHARD: So in etwa. – Ich denke, das kann nicht die Antwort sein. Es ist gut, dass es Männer gibt und dass Männer eben nicht Frauen sind, weil sie natürlich auch ihre eigenen Anlagen in diese Welt bringen und sie somit bunter machen: gerade dieses männlich konnotierte Unabhängigkeitsstreben, die männliche Ausdauer, der männliche Eroberungsdrang und auch diese Wildheit und Genialität. All das sollte jetzt nicht unter den Teppich der Sorge gekehrt werden. Frauen sind nicht moralischer als Männer, aber sie sind auch nicht unmoralischer; sondern es gibt einfach eine große Vielfalt unter den Geschlechtern, wie es auch eine große Vielfalt unter den Frauen selbst gibt.

RALPH KRÜGER: Ich finde es auch sehr schön, dass Sie in Ihrem Buch auch denjenigen, die sich noch nicht so viel mit den Gender Studies beschäftigt haben, den Unterschied zwischen sex und gender klar machen. Ich glaube, dass viele Frauen diese zwei Ebenen der Bedeutung gar nicht so klar sind: sex, das sind die biologischen Unterschiede, die es zwischen Mann und Frau einfach gibt und die auch nicht verhandelbar sind; der Großteil der Rollenbildung findet jedoch im gender-Bereich statt – über Erziehung und Sozialisation. Diese Rollenmuster sind im Gegensatz zu den biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau aber sehr wohl verhandelbar und veränderbar, sie waren auch historisch immer schon starken Wandlungen unterworfen. Wir haben natürlich Normen und Verhaltensregeln in unserer Gesellschaft, die festlegen, wie wir friedlich miteinander auskommen können; aber das ist heutzutage längst nicht mehr solch ein starres Geflecht von Regeln, wie es in den vergangenen Jahrhunderten der Fall war. Es gibt heute viel Spielraum, und Sie haben ja auch diesen schönen Werkzeugkoffer für die Frau gepackt. Sie holen sich ja die Unterstützung vieler Philosophen-Kollegen – ich nenne nur einmal ein paar Namen: Aristoteles, Luhmann, Foucault, Austin, Kant, Macchiavelli – quer durch die philosophischen Gärten der letzten zwei Jahrtausende. Sie legen in Ihrem Buch viel Wert auf die richtige Kommunikation: Es liefern also zunächst eine Art „Logik 1×1“; sie erklären, was ein Syllogismus ist, wie man einen Zirkelschluss erkennt und wie man die Argumente der Anderen richtig analysiert und bewertet. Sie beziehen sich auf die Rhetorik von Aristoteles, dann ist die Sprechakt-Theorie von Austin ganz wichtig, und all diese Erläuterungen helfen den Leserinnen bei der Optimierung der eigenen Kommunikation sowie bei der Abwehr von ungerechtfertigten Forderungen und Vorhaltungen.

REBEKKA REINHARD: Vielen Dank. Es freut mich sehr, dass Sie das so sehen! Ich habe Austin bislang nur mit einigen Klientinnen in meiner Philosophischen Beratung thematisiert, aber ich denke, dass es auch für viele Frauen nützlich ist, die sich in einer schwierigen Situation befinden. Mich selbst hat die Sprechakt-Theorie immer begeistert, und sie hat mir als Frau auch selber sehr viel geholfen. Man muss sich eben immer bewusst machen, was Sprache und was Sprechen wirklich bedeuten. – Ich möchte da aber noch kurz einhaken, weil Sie eben aufgezählt haben, wen ich da so alles anführe in meiner Literaturliste: Mir war bei dem Buch sehr wichtig, dass ich gerade nicht überwiegend mit feministischer Literatur arbeite, sondern dass ich die Machttheorien großer Philosophen instrumentalisiere für die Sache der modernen Frau, aber eben auch sonstige orthodoxe männliche Theorien um zu zeigen, dass gender auch da verhandelbar ist und Spielräume öffnet. Warum soll ich also nicht auch als Frau Austins Sprechakt-Theorie anwenden dürfen, um meinem Chef die Meinung zu sagen?!

RALPH KRÜGER: … und das gender-Thema betrifft ja nicht nur die Frauen, sondern natürlich genauso die Männer. Das männliche Rollenbild ist ja ebenso wie das der Frau vor allem ein anerzogenes.

REBEKKA REINHARD: … und es ist auch sehr im Fluss.

RALPH KRÜGER: Es geht Ihnen also darum, die Frauen aus ihrer selbstverschuldeten Grübelfalle zu befreien und ihnen zu helfen, endlich mehr an sich selbst zu denken und die eigenen Ziele zu verfolgen, anstatt sich immer nur einen Kopf um die Anderen zu machen. Es ist Ihnen aber ebenso wichtig, dass das Ganze nicht in einen Machtmissbrauch mündet, sondern dass die Frauen, positiv gewendet, ihre neue Macht dazu gebrauchen, um nicht nur nach dem Guten für sie selbst zu streben, sondern auch nach einem höheren Gut. Es gibt ja, und Sie führen das ja auch in Ihrem buch aus, drei verschiedene Stufen des Guten. Können Sie das bitte noch einmal kurz erläutern.

REBEKKA REINHARD: Die unterste Stufe meint gut im Sinne von technisch gut – gut funktionierend. Das nächst höhere Gute ist das pragmatisch Gute, in dem Sinne, dass es „etwas bringt“. Dann schließlich gibt es die oberste Stufe des Guten im eigentlichen und ethischen Sinne, das ist das „schlechthin und unbedingt Gute“. In unserem Alltag bleiben wir meist auf den ersten beiden Stufen des technisch oder pragmatisch Guten stehen und verlieren dadurch leider auch ein wenig unseren ethischen Idealismus. Natürlich ist das unbedingt Gute in einer Welt der Menschen nicht zu haben oder nur in den seltensten Fällen zu erreichen; das sind dann die berühmten Sternstunden der Menschheit. Aber wenn ich mir nicht bewusst werde, dass es meine eigentliche Aufgabe als Mensch ist, nach dieser dritten und obersten Stufe hinzustreben, dann werde ich der Verantwortung meinem Leben gegenüber nicht wirklich gerecht.

RALPH KRÜGER: Mit diesem ethisch Guten, nach dem wir streben sollten, meinen Sie aber nicht nur ehrenamtliche Tätigkeiten, oder? Geht es beim ethisch guten Handeln eigentlich „nur“ (in Anführungszeichen) um die Sorge für den Nächsten oder verbinden Sie damit auch die idealistische Vorstellung einer Idee des absolut Guten? Gibt es ein Gut, das man durch eigenes Handeln verbessern oder dem man sich durch ein solches Handeln nähern kann?

REBEKKA REINHARD: Genau. Es können natürlich alle möglichen Tätigkeiten sein, auch ein Ehrenamt geht hier in die richtige Richtung. Mir geht es insgesamt darum, dass sich der erwachsene Mensch (in diesem Fall eben eine erwachsene Frau) bewusst werden muss, dass sie eine Verantwortung hat gegenüber dem Leben und der Menschheit, nach Maßgabe der eigenen Möglichkeiten, Gutes zu tun und diese Welt am Ende ein bisschen besser zu verlassen, als sie sie betreten hat.

RALPH KRÜGER: Es geht im Grunde auch darum, dass man nicht immer nur im eigenen Saft kocht und sich um die eigene Nase dreht, sondern versuchen soll, die Welt, wie und wo auch immer, ein bisschen besser zu machen. – Wir haben jetzt die ganze Zeit in erster Linie von der modernen Frau gesprochen; aber Sie widmen Ihr Buch ja auch explizit „dem modernen Mann“… Das weist ja auch in eine bestimmte Richtung, zu der ich gleich komme. Denn als ich den Titel Ihres neuen Buches hörte, dachte ich zunächst: Muss ich und sollte ich dieses Buch wirklich lesen? Schließlich geht es um Frauenleiden, wie Sie es nennen. Da ich aber beruflich lese, habe ich einfach angefangen und dann sehr schnell gemerkt, dass all diese Denkbaustellen und Kommunikationsprobleme natürlich nicht nur die Frauen betreffen, sondern genauso häufig bei Männern zu finden sind. Der moderne Mann nämlich, der sich nicht mehr in den alten Rollenmustern bewegen will, verspürt oft eine gewisse Orientierungs- und Hilflosigkeit bei der Suche nach seinem neuen Platz in der Gesellschaft. Somit helfen Ihre philsophischen Machtinstrumente genauso gut auch dem modernen Mann, seine Potenz-iale zu erkennen, zu entfalten und für die gute Sache einzusetzen.

REBEKKA REINHARD: Das finde ich schön, das Sie das so sehen. Denn genau so hatte ich mir das auch gedacht!

RALPH KRÜGER: Kommen wir zum Schluss zu einem ganz aktuellen Thema. In diesem Jahr sind wir in Europa Zeugen einer beispiellosen Flüchtlingswelle. Viele dieser Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern sind Muslime. – Welchen Einfluss, glauben Sie, könnte dieser Zuzug muslimischer Menschen aus einem anderen Kulturkreis auf die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft haben? Wir reden hier ja von etwa einer Million Menschen in diesem Jahr 2015; das ist im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung relativ wenig, etwas mehr als 1%, aber von den Medien wird diese magische Zahl von einer Million zum Teil geradezu reißerisch hochstilisiert, womit Ängste geschürt werden, die im Grunde völlig irrational sind. – Aber was denken Sie? Wenn wir auf die Rollenthematik und den gender-Aspekt schauen, sind dann diese neuen Mitbürger für diese Thematik eher eine Gefahr oder eine Chance?

REBEKKA REINHARD: Grundsätzlich würde ich das wie Sie zunächst als eine Bereicherung sehen wollen. Der kontinuierliche Zuzug von Menschen aus anderen Kulturkreisen wird auch bei uns Werte verändern. Bezogen auf die Situation der so genannten modernen Frau könnte ich mir zwei unterschiedliche Szenarien vorstellen, wobei diese bitte nur als eine erste Näherung oder Spekulation zu verstehen sind: Das negative Szenario wäre, dass sich die moderne Frau noch mehr auf ihren eigenen Bauchnabel zurückzieht und einfach wegschaut – ich muss es wirklich so unschön formulieren. – Das zweite mögliche Szenario wäre, dass wir deutschen Frauen das als Bereicherung empfinden und neugierig werden. Uns geht es ja in unserem Kulturkreis so gut, dass wir letztlich jeden möglichen Lebensentwurf frei wählen können. Wenn Frauen jetzt im Alltag, im schulischen oder beruflichen Alltag, mit ausländischen Mitschülern und ihren z.B. muslimischen Müttern konfrontiert werden, dann können sie hier sehen, dass es auch noch ganz andere Formen des Frau-Seins und Mutter-Seins geben kann, als es die typischen deutschen Rollenmodelle vorgeben. Diese fremden Möglichkeiten des Frau-Seins kann man vielleicht als archaisch beurteilen, aber vielleicht eben auch als interessant, nachdenkenswert. Ich hoffe also, dass diese Erkenntnis, dass es in einer globalisierten Welt auch noch ein ganz anderes Frau-Sein gibt, der modernen Frau hilft, ihre eigene Situation mal wieder sauber durchzurelativieren und mal auf die Reset-Taste zu drücken.

RALPH KRÜGER: Dieses zweite Szenario würde mir auch am besten gefallen. – Abschließend möchte ich Sie nach Ihren aktuellen Projekten fragen. Natürlich ist soeben dieses neue Buch erschienen, das Sie jetzt kräftig bewerben und promoten müssen; das hat sicherlich erst einmal Vorrang, aber vielleicht sind Sie gedanklich ja schon bei dem nächsten Projekt? Vielleicht hat ja die Arbeit an diesem letzten Buch für neue Impulse gesorgt, denen Sie nun in einem kommenden Projekt weiter nachgehen wollen?

REBEKKA REINHARD: Das ist alles noch sehr in den Kinderschuhen. Aber es ist tatsächlich so, dass sich beim Schreiben das eine Thema aus dem anderen ergibt. Ich denke schon, dass es für kommende Buchprojekte auch meine Pflicht als Philosophin ist, gesellschaftspolitisch Position zu beziehen. Denn es ist ja generell das Problem der Philosophen und Philosophinnen in Deutschland, dass sie sich viel zu sehr auf die mehr theoretische Argumentation zurück ziehen, sich einfach nicht trauen, Farbe zu bekennen, oder das nicht als ihr Metier ansehen. Aber ich denke, dass es gerade jetzt in dieser gesellschaftlichen Veränderung, in der wir uns aktuell befinden und die wirklich eine Art epochaler Wandel ist, wichtig ist, auch als Philosoph Stellung zu beziehen.

RALPH KRÜGER: Dann dürfen wir gespannt sein, was als Nächstes kommt! Frau Reinhard, vielen Dank für das interessante Gespräch!

REBEKKA REINHARD: Ich danke Ihnen.

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