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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Hans Peter Althaus: „Chuzpe, Schmus & Tacheles – Jiddische Wortgeschichten“

Am: | Oktober 1, 2015

Eigentlich ist diese Art von Bücher unlesbar: Die durch Fließtext verbundene Aneinanderreihung von Redewendungen in der Liga „Warum die Wurst wurscht ist“ oder „Wie die Asch zum Eimer passt“ können bestenfalls stichwortartig mit Hilfe eines hoffentlich existierenden Registers gelesen werden. – Liegt nun also ein weiterer Band aus der Reihe „Wörter-und-Redewendungen-lustig-erklärt“ vor, diesmal mit jiddischen Wortgeschichten? Weit gefehlt!

Diese von Hans Peter Althaus erzählten „jiddischen Wortgeschichten“ – so der Untertitel – sind eine leichte und lehrreiche Lektüre. Es macht Spaß, die wahren Ursprünge von Chuzpe, Schmus und Tacheles zu erfahren und zu merken, wieviel jiddische Wörter in unsere deutsche Sprache Einzug gehalten hat. So hört man vor allem noch dem Berliner Dialekt an, wie sehr er durch die jüdische Bevölkerung bereichert wurde, die über Jahrhunderte die preußische und später deutsche Hauptstadt bewohnten. Ohne weiter auf die Besonderheiten des Berliner Dialekts eingehen zu wollen, muss man in diesem Zusammenhang natürlich dessen Patchwork-Charakter erwähnen, der neben der Besatzungszeit durch die französischen Eroberer vor allem auch schlesischen und ostpreußischen Einflüssen ausgesetzt war. Der Zustrom von Juden aus Russland und Osteuropa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts veränderte das Berliner Stadtbild nachhaltig und sorgte für weitere Entwicklung der deutschen Sprache.

Der Autor ist emeritierter Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Trier und einer der führenden Experten für den jiddischen Lehnwortschatz im Deutschen. Mit anderen Worten: Was er in diesem schmalen Bändchen zu mehr als hundert Wörtern jiddischer Herkunft schreibt, hat Hand und Fuß. Mit diesem Wissen kann man sich nicht nur auf der nächsten Party als ein intimer Kenner der deutschen Sprache outen, sondern ist gleichfalls in der Lage, den eigenen Wortschatz um eine beliebige Anzahl jiddischer Redewendungen zu erweitern, was den Zuhörern eine gewisse Weltgewandtheit signalisiert.

In diesem Sinne sei aufgerufen, diese spannenden Wortgeschichten zu lesen und dabei zu lernen, wie reich die deutsche Sprache durch die jüdische Bevölkerung gewesen und geworden ist. Zum Glück nahm und nimmt die jüdische Zuwanderung seit der Wende wieder zu und verändert erneut die deutsche Gesellschaft zum Positiven. Mit den heutigen Zuwanderern kehren nicht zwangsläufig auch die alten jiddischen Wörter zurück, dafür dürften im Laufe der Zeit neue hinzu kommen. Sprache ist niemals statisch, sondern immer dynamisch und in Veränderung begriffen. Seien wir gespannt, lesen wir die jiddischen Wortgeschichten und fügen wir diesen Lehnwortschatz wieder verstärkt in unsere tägliche Rede ein; denn auch er gehört ganz selbstverständlich zur deutschen Sprache wie die Anglizismen heutiger Zeit.

Autor: Hans Peter Althaus
Titel: Chuzpe, Schmus & Tacheles – Jiddische Wortgeschichten
Taschenbuch: 176 Seiten
Verlag: C.H.Beck
ISBN-10: 3406681050
ISBN-13: 978-3406681059

 

 

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