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Rudyard Kipling: „Die späten Erzählungen“

Am: | Februar 12, 2016

„Das Dschungelbuch“ ist wohl für die meisten Leser die erste Assoziation, die sie — wenn überhaupt — mit dem Namen Rudyard Kipling verbinden. Dann fallen manchen Leuten vielleicht noch „Kim“ und die „Genau-so-Geschichten“ („Just so“ Stories) ein, und das war´s. Doch es wäre grundfalsch, Kipling deshalb als einen reine Kinderbuch-Autoren abzustempeln. Dies wäre in etwa so intelligent, wie dasselbe mit Erich Kästner zu tun, ihn auf „Emil und die Detektive“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ zu reduzieren und dabei den „Fabian“ und seinen vielen Erzählungen und seine Lyrik für Erwachsene auszublenden.

Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren, also im Süden der Britischen Kronkolonie. Somit besaß Kipling selbstverständlich die britische Staatsbürgerschaft und war von Kindheit an mit der britischen Sprache vertraut. Mit fünf Jahren verließ er bereits den indischen Subkontinent und kam nach England, wo er die Vorzüge einer klassisch viktorianischen Erziehung genoss, die er jedoch eher als Zwang und als eine Last empfand. 1882 kehrte er nach Indien zurück, jedoch nicht nach Bombay, sondern nach Lahore, wo seine Eltern inzwischen lebten. Diese Rückkehr in seine indische Heimat wurde für Kipling zu einer Befreiung aus dem Korsett der viktorianischen Konventionen.

Schon bald widmete sich der junge Kipling dem Schreiben und arbeitete zunächst als Redakteur einer örtlichen Zeitung und später als Korrespondent. Gleichzeitig widmete er sich dem Schreiben von literarischen Texten, kleinen Erzählungen und Lyrik. Erste Erfolge ließen nicht lange auf sich warten, und schon sechs Jahre später, damals war er gerade einmal 23 Jahre alt, hatte er schon sechs Bände mit eigenen Erzählungen veröffentlicht.

Mit „Plain Tales from the Hills“ (1888) und „Captains Courageous: A Story of the Grand Banks“ (1896/97) machte er sich schnell einen Namen als Autor von Abenteuergeschichten im Stile von Robert Louis Stevenson. Der ganz große Durchbruch kam jedoch mit seinen Kinder- und Jugendbüchern, den „Just so Stories“ (1902) und natürlich mit dem „Dschungelbuch“ (1894/95), das jeder kennt. 1907 erhielt er als erster englischsprachiger Schriftsteller den Literaturnobelpreis. Damals war Kipling noch keine 42 Jahre alt, und bis heute ist er damit der jüngste Literaturnobelpreisträger aller Zeiten.

Im Ersten Weltkrieg verlor Kipling seinen ältesten Sohn, den er als Befürworter des Krieges gegen Deutschland sogar ausdrücklich ermutigt hatte, sich zum Militärdienst zu melden. Nach dem Tod des Sohnes blieben Schuldgefühle und die Ernüchterung über die Sinnlosigkeit des Krieges. Diese Erfahrungen spiegelten sich auch in Kiplings Werken wider. Der Ton wurde dunkler, und der Optimismus früherer Jahre wich einer zunehmend düsteren Haltung.

Die hier erstmals in Deutsch vorliegenden späten Erzählungen Kiplings belegen dies eindrücklich. Hier können wir den vertrauten Kipling mit der ganzen Kraft seiner Erzählkunst wiederfinden, wie wir sie aus dem Dschungelbuch und anderen Erzählungen so lieben. Gleichzeitig jedoch lernen wir auch einen neuen Kipling kennen, dessen Geschichten dicht erzählt sind, mit psychologisch aufgeladen Atmosphären und Charakteren, die nicht ausgedacht, sondern aus dem wahren Leben zu kommen scheinen. Und doch sind diese Geschichten oft mit Grenzerfahrungen verknüpft und führen entlang eines tiefen Abgrunds, in den die Protagonisten in jedem Augenblick zu stürzen drohen.

Kiplings späte Erzählungen verbinden auf diese Weise beide Stärken des Autors: seine Erzählkunst und seine Fabulierlust ebenso wie die reiche Lebenserfahrung und jene Tiefe des Seelenlebens, wie nur durch ein reiches und bewegtes Leben zu erlangen sind, in welchem sich der Mensch nicht schont und auch vor existenziellen Prüfungen nicht zurückschreckt.

Kiplings literarische Popularität ging nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Trotzdem schrieb er bis in die frühen Dreißiger Jahre hinein immer weiter, auch wenn der Erfolg zunehmend ausblieb. Kipling starb 1936 mit 71 Jahren in London. Seine Geschichten jedoch leben weiter.

„Die späten Erzählungen“ von Rudyard Kipling sind nun erstmals (von Gisbert Haefs) ins Deutsche übersetzt worden und im S. Fischer Verlag erschienen. In dieser schönen gebundenen Ausgabe (von Fischer Klassik) findet der Leser auf 462 Seiten alle wichtigen späten Erzählungen dieses großen englischen Meisters der Abenteuergeschichten.

 

Autor: Rudyard Kipling
Titel: Die späten Erzählungen
Verlag: FISCHER Taschenbuch
ISBN-10: 3596950260
ISBN-13: 978-3596950263

 

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