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Heinrich Kaulen, Christina Gansel (Hg.): „Literaturkritik heute“

Am: | Februar 5, 2016

Was kann, was darf, was muss Literaturkritik bewirken? Diese Frage stellt sich nicht nur der Rezensent, sondern auch die Literaturwissenschaft. Eine aktuelle Bestandsaufnahme dieser Diskussion ist nun in einem facettenreichen Sammelband beim Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erschienen – herausgegeben von Heinrich Kaulen und Christina Gansel.

Heinrich Kaulen hat Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Sozialwissenschaften an der Universität Bonn studiert. Heute ist er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg. Mitherausgeberin Christine Gansel lehrt am Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald.

Die beiden Herausgeber haben ihren Job gut gemacht. Sie versammeln in diesem Band zwanzig Autorinnen und Autoren, die alle entweder aus der literaturwissenschaftlichen Lehre oder aus der Praxis stammen. Germanistik-Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Literatur-Redakteure und Lehrer steuern ihre Sicht auf die großen Fragen an die Literaturkritik bei.

Die Literaturkritik ist eine der wichtigsten Vermittlungsinstanzen zwischen Autoren, Verlagen und Lesern. Bei rund 100.000 Neuerscheinungen pro Jahr kann der Leser schon mal den Überblick verlieren. An diesem Punkt setzt die Literaturkritik an, und sie stellt sich selbst die Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und hier ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. — Denselben Ansatz verfolgen übrigens auch kulturbuchtipps.de und Kulturthemen.de, auf denen diese Rezension erscheint.

Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven mit den Traditionen und aktuellen Tendenzen der Vermittlung literaturkritischer Inhalte. Behandelt werden sowohl die professionellen Formate der Literaturkritik im Feuilleton und den klassischen Massenmedien, als auch neuere Formen der Vermittlung wie Kundenrezensionen und Internet-Portale, die von literaturwissenschaftlichen Laien betrieben werden. Besonders interessant ist hier natürlich die Frage nach dem Wert solcher Laien-Kritik:

Obwohl hier keine literaturwissenschaftlich fundierten Kritiken erwartet werden (können), liegt der Hauptnutzen solcher Leser-Rezensionen in der Etablierung eines Bewertungssystems, wie man es im Internet auch für Haushaltsgeräte, Hotels oder Smartphones kennt. Auch ein solches Bewertungssystem bietet eine erste Orientierung und eine kollektiv-subjektiven Auswahl aus dem unüberschaubaren Buchmarkt.

Die historische Bestandsaufnahme der professionellen Literaturkritik beschäftigt sich mit Hans-Werner Richter und Marcel Reich-Ranicki. Die Literaturkritik der DDR wird in einem eigenen Beitrag untersucht. Die Praxis der Literaturkritik im Deutschunterricht und die Chancen und Probleme im Umgang mit Laien-Rezensionen werden ebenso behandelt. Der Sammelband schließt mit einem Beitrag von Michael Hametner, Literatur-Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk, der sich Gedanken über die Zukunft der Literaturkritik und die Funktion der Literaturkritiker macht.

Wer sich — in welcher Form auch immer — aktiv mit dem Thema Literaturkritik beschäftigt und nicht nur passiv als Leser und Konsument von Literaturempfehlungen, der kommt an diesen schön gestalteten, gut recherchierten und kompetent herausgegebenen Sammelband zur „Literaturkritik heute“ nicht vorbei. Auf 340 Seiten bekommt er ein volles Rundum-Paket, der ihn auf den neuesten Stand der aktuellen Diskussion bringen wird.

 

Autor: Heinrich Kaulen, Christina Gansel (Hg.)
Titel: Literaturkritik heute
Gebundene Ausgabe: 340 Seiten
Verlag: V&R unipress
ISBN-10: 384710246X
ISBN-13: 978-3847102465

 

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