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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Andreas „Spider“ Krenzke: Die letzte WG von Prenzlauer Berg“

Am: | Mai 13, 2014

Wenn die Kinder da sind, wird man zu einem anderen Menschen. Wenn man nach Prenzlauer Berg zieht, auch. Es sind die Geschichten, die das Leben schreibt, nur eben viel lustiger, weil sie im Berliner Szenekiez spielen, in dem es Holzspielzeug vom Himmel regnet und Dich die Kinder mit kalten, aber sehr fettigen Grünkernbratlingen bewerfen, wenn Du nicht nett zu ihnen bist…

Lustige Kindergeburtstage im Prenzlauer Berg, die für die gastgebenden Eltern im Handumdrehen zur Neuinszenierung der Schlacht von Stalingrad mutieren; Kevin, Robin und der Muezzin, Dick und Doof auf Usedom, morgens vor der Wald-Kita oder zu Besuch in der letzten WG von Prenzlauer Berg…

„Das alles und noch viel mehr würd‘ ich lesen, wenn ich…“ – ja was eigentlich? Auf der Suche nach kurzweiligem Frohsinn, gepaart mit einer angenehmen Berliner Schnauze und mit einem Basso Continuo Prenzlauer-Berg-Hipstertum ist man bei „Spider“ und seinen kleinen Geschichten aus Deutschlands kinderreichster Enklave genau an der richtigen Adresse. – Sonst nicht.

Andreas Krenzke ist Ost-Berliner, das macht ein kurzer Blick in den Waschzettel oder auch in den Wikipedia-Eintrag klar. Dies hätte man auch hören können, wenn man die beiliegende CD mit Auszügen aus dem vorliegenden Büchlein eingelegt hätte. So schön prollig und authentisch berlinern kann sonst nur Mario Barth. Was den Rezensenten auf die Idee bringt, auch hier einmal genauer hinzusehen:

Andreas Krenzke wurde 1971 in Ost-Berlin geboren; sein literarisches Pseudonym ist „Spider“. Krenzke ist Gründer der „Lesebühne LSD“ – Liebe statt Drogen – und Mitglied der Lesebühne „Die Surfpoeten“. Mario Barth hingegen wurde 1972 in West-Berlin – im friedlichen Mariendorf – geboren; er ging auf die katholische Privatschule St. Marien in Neukölln. Nach einer Ausbildung zum Telekommunikationsanlagen-Elektroniker bei Siemens nahm er vorübergehend Schauspielunterricht und trat in mehreren Comedy-Clubs und TV-Sendungen auf.

Auf den ersten Blick klingt also die künstlerische Vita von Krenzke hipper als die von Barth. Was der Andreas da in und mit Hilfe des schwäbischen Mekkas Prenzlauer Berg für den relativ kleinen und relativ intellektuellen Zirkel seiner ihm dort vor den Lesebühnen der Stadt zu Füßen liegende Fangemeinde schafft, das gelingt dem Mario auf Privatsendern und in Fußballstadien in ganz großem Stil und auf dem niedrigstmöglichen Niveau: Unterhaltung.

Dies ist keine Kulturkritik, und jeder bekommt das Lese- oder Hörpublikum, das er verdient. Und jedes Publikum sucht sich genau die Idole, die seinem Geschmack und Bildungshorizont am besten entsprechen. (Okay, das ist eben doch Kulturkritik.)

Doch damit wir uns nicht missverstehen: Man kann „Spider“ wunderbar zuhören, sich an seinen Kiezgeschichten erfreuen und an manchen Stellen sogar richtig lachen. Vielleicht ist diese Innenansicht des Biotops Prenzlauer Berg ja sogar ein kulturgeschichtlich relevanter Text, der von zukünftigen Generationen literaturwissenschtlicher Forscher als Zeitdokument verstanden und gewürdigt wird?

Wie dem auch sei, den Fans der „Surfpoeten“ und der Lesebühne LSD wird man Spiders Buch nicht empfehlen müssen; die kennen entweder sowieso schon alle Texte auswendig oder besitzen das vorliegende Büchlein schon längst. Allen anderen sei ein Blick oder ein (Ohrwurf in die Lesung) durchaus nahe und ans Herz gelegt. Man lasse sich nicht von einem alten, grummeligen Rezensenten verschrecken, der Barth mit Krenzke und Äpfel mit Birnen vergleicht.

Der kleine, aber feine Verlag Voland & Quist ist immer für eine Überraschung gut, und somit ist auch dieser dritte im Verlag herausgegebene Titel von Spider eine durchaus gelungene Produktion. Buch und CD ergänzen sich, auch wenn nur ein einziger der zwölf Tracks nicht als Lesetext im Buch abgedruckt ist. Es ist der ganz eigene – „Charme“ von Spider Krenzkes Vortrag, der die Lesungen zu einem ebenbürtigen, wenn nicht sogar der eigenen Lektüre vozuziehenden Erlebnis macht.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen, Hören und Schmunzeln! Manchmal ist nichts so albern wie die Wirklichkeit.

Autor: Andreas „Spider“ Krenzke
Titel „Die letzte WG von Prenzlauer Berg“
Broschiert: 140 Seiten
Verlag: Voland & Quist
ISBN-10: 3863910656
ISBN-13: 978-3863910655

 

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