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Tillmann Bendikowski: „Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst – wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten“

Am: | April 11, 2014

Im Sommer 1914 herrschte im deutschen Kaiserreich eine allgemeine Kriegseuphorie. Man sehnte einen großen Krieg herbei, der endlich wieder die alte Ordnung stabilisieren würde. – So lautet die offizielle Version der Geschichtsschreibung, die zusammen mit der alleinigen deutschen Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg fast hundert Jahre lang in den Schulen gelehrt wurde. Doch diese kollektive Begeisterung für den Krieg hat es im Sommer 1914 nie gegeben. Die Legende von der deutschen Kriegseuphorie wurde durch die Kriegspropaganda geschürt und hat sich in den Köpfen festgesetzt, weil sie so gut in das Bild passte, welches man sich von den Deutschen im Kaiserreich machen wollte.

Den deutschen „Hurra-Patriotismus“ hat es selbstverständlich gegeben. Auch waren in den großen Städten, allen voran in Berlin, öffentliche Kundgebungen und spontane Versammlungen patriotischer Männer zu registrieren, was auch ausländischen Berichterstattern nicht verborgen blieb. Jedoch das Stimmungsbild in der Bevölkerung war, was die drohende Kriegsgefahr betrifft, viel bunter und vielschichtiger, als es bis vor kurzem noch in den Geschichtsbüchern stand.

Tillmann Bendikowski möchte in seinem Neuen Buch „Sommer 1914“ die Frage beantworten, welche Gefühle die Menschen im Sommer 1914 wirklich bewegten, und er möchte die Legende von der allgemeinen Kriegsbegeisterung begraben. Hierfür bedient er sich der Tagebuchaufzeichnungen fünf exemplarischer Personen, die einen guten Querschnitt durch die Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs repräsentieren.

Allen voran kommt der Kaiser selbst in seinen Tagebucheinträgen zu Wort; das Großbürgertum repräsentiert der in Jena lehrende Historiker und Frankreich-Experte Professor Alexander Cartellieri, die protestantische Volksschullehrerin Gerda Schädla steht exemplarisch für die Landbevölkerung und der jungsozialistische Zeitungsvoluntär Wilhelm Eildermann für die linke Jugend, der Philologe und bekannte expressionistische Lyriker Ernst Stadler steht für die Gedanken und Gefühle vieler Kpünstler und Intellektueller seiner Zeit.

Dank seiner großen Schreiberfahrung gelingt es dem Autor, aus diesen fünf unterschiedlichen Perspektiven ein schillerndes und vielschichtiges Stimmungsbild des Sommers 1914 zu malen. Bendikowski erklärt die Zusammenhänge, kontextualisiert die Tagebucheinträge mit den geopolitischen Entwicklungen und schafft es auf diese Weise, nicht nur seine Protagonisten zu charakterisieren, sondern dem Leser eine Vorstellung von der Komplexität des weltpolitischen Geschehens zu vermitteln, die für die meisten neu sein dürfte.

In der Schule wurde und wird der Erste Weltkrieg meist stiefmütterlich behandelt. In groben Zügen wird er als ein alleiniger deutscher Aggressionsakt und als ein Angriffskrieg mit hohen Menschenverlusten dargestellt, der den Anlass für den zweiten und noch viel verheerenderen Weltkrieg bildete. All das ist nicht ganz falsch, aber ebenso unvollständig wie undifferenziert.

Kriegsbegeisterung und Kriegsangst finden sich in allen Schichten der Gesellschaft, ja manchmal sogar in derselben Person und mitunter sogar zur gleichen Zeit. Alle menschlichen Widersprüche entdecken wir auch in manchen Tagebuchschreibern wieder. Die Schwierigkeit einer korrekten Einschätzung der Sachlage und die Fähigkeit zur Reflexion des eigenen Verhaltens sind verschieden stark ausgeprägt.

Manchmal haben wir es sogar mit sehr hermetischen Personen zu tun, die sich ihrer Stellung im Leben sehr bewusst sind. Gerda Schädla ist als stark gläubige Protestantin hierfür ein gutes Beispiel. Selbst als sie schon in den ersten Kriegswochen nacheinander ihre beiden Brüder verliert, kompensiert sie diese schweren menschlichen Verluste durch einen noch stärkeren Glauben und die Zuversicht auf ein Wiedersehen nach dem Tod. Gott ist gütig und der Tod der Brüder muss einem höheren Ziel dienen: dem Sieg des deutschen Kaiserreiches.

Ein anderes Beispiel für ein hermetisches Weltbild ist der Jungsozialist Wilhelm Eildermann. Der spätere Redaktionsleiter des Pressedienstes im Zentralkomitee der SED und Inhaber des Lehrstuhls für Methodik der journalistischen Praxis an der Universität Leipzig war schon in jungen Jahren fest davon überzeugt, dass ein Krieg den Kapitalismus an sein Ende und direkt in die Revolution führen würde, nach der sich dann Deutschland in eine sozialistische Republik verwandeln würde. Es ist aus heutiger Sicht verblüffend, wie klar ein junger Mann von siebzehn Jahren bereits im Sommer 1914 den Kriegsverlauf und seine langfristigen Folgen voraussagen konnte. War dies ein Zufall oder müssen wir uns von dem Bild einer kollektiven Ahnungslosigkeit der Bevölkerung im deutschen Kaiserreich verabschieden?

Tagebuchaufzeichnungen sind als Rohmaterial für historiographische Bücher quellenkritisch zu hinterfragen. Dieser Problematik ist sich auch der Autor stets bewusst. Tagebücher bedeutender Persönlichkeiten wie Wilhelm II. oder dem Jenaer Professor Cartellieri dienen niemals allein dem Selbstzweck, sondern werden immer auch mit dem Gedanken auf eine mögliche Veröffentlichung verfasst. Bilden sie dann noch die wirklichen Gedanken und Gefühle des Schreibers ab? – Doch selbst wenn man manchen Tagebuchverfassern eine solche „Schere im Kopf“ unterstellen mag, sind diese Aufzeichnungen aus erster Hand als Quellen historischer Erkenntnis von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

So manche Legende wird durch die Tagebucheinträge korrigiert, so auch zum Beispiel die Ansicht, dass auch das Militär im Sommer 1914 geradezu naiv mit dem Feuer spielte und nicht ahnte, welch einen Flächenbrand eine Kriegserklärung auslösen würde. Der deutsche Generalstabschef Moltke notierte bereits am 31. Juli 1914: „Dieser Krieg wird sich zu einem Weltkrieg auswachsen.“ Der später von der nationalsozialistischen Propaganda beschworene „Geist von 1914“ war in Wirklichkeit flächendeckend in Deutschland so nicht zu finden. Es gab am 30. Juli, am Tag der Mobilmachung, vor allem in Berlin einzelne patriotische Gruppen. Dort fanden sich „Bierrausch und Biergesichtern, lärmende Studenten“, jedoch keine einheitliche Hurra-Stimmung.

Die Reaktionen auf die Mobilmachung waren uneinheitlich, und selbst der Kaiser definierte sie kurzerhand zu einem passiven Akt der nationalen Selbstverteidigung um, indem er sagte: „Man drückt uns das Schwert in die Hand.“ Gleichzeitig gab es Proteste der SPD gegen die „Kriegshetzer“ und den „drohenden Krieg“. Kurz danach wird aber auch die SPD die Kriegskredite bewilligen und dadurch viele ihrer Anhänger enttäuschen.

In Bendikowskis Buch wird man mitten in diese turbulente Zeit des Sommers 1914 hinein gezogen, und es gelingt dem Autor, ein starkes, atmosphärisches Zeitbild zu entwerfen. Hierdurch werden auch die unterschiedlichen Positionen und Reaktionen der fünf Protagonisten für den Leser nachvollziehbar. Aus anonymen Tagebuchschreibern werden mit der Zeit reale Menschen, die mit ihren Hoffnungen, Wünschen, Widersprüchen, Träumen und Ängsten so vielschichtig werden, als ob man in einem Roman lesen würde.
Das fremde Vibrieren der Luft ist in jenen Monaten der sich überschlagenden Ereignissen bis in die Tagebucheinträge hinein spürbar. Dem Autor ist eine stimmungsvolle Komposition gelungen, die zu einem erschütternden Protokoll der herannahenden Katastrophe wird. Dieses Kunststück, Geschichte wirklich lebendig zu machen, gelingt nur wenigen historischen Sachbüchern.

In diesem Sommer 2014 schauen wir aus der Zukunft zurück auf jene Menschen, die im Sommer 1914 die globale politische Lage wahrnehmen und für ihr eigenes Leben interpetieren mussten. Die aktuelle geopolitische Lage, die sich 2014 durch die russische Annektierung der Krim und die Hilflosigkeit des westlichen Bündnisses, auf diesen Vorgang zu reagieren, ergibt, zeigt uns deutlich, wie aktuell und schwierig einerseits diese Frage der richtigen Einschätzung politischer Großwetterlagen und andererseits die Frage nach den Auswirkungen auf das persönliche Leben ist. Wie verhalte ich mich zur Weltpolitik und der Frage nach Krieg und Frieden? Wir leben in einem Land, das in den vergangenen Jahren aktiv an mehreren Kriegseinsätzen beteiligt war und ist. Die Frage nach dem eigenen politischen Standpunkt ist heute so aktuell wie vor hundert Jahren.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die in Bendikowskis Buch vorgestellten Personen hätten ahnen können oder gar ahnen müssen, wie sich dieser Krieg entwickeln würde. Für die meisten ist der Krieg schlichtweg eine unhinterfragbare Tatsache, die einem Schicksal gleichkommt. Persönlicher Protest oder gar Widerstand und Verweigerung wäre keinem der Protagonisten in den Sinn gekommen. Doch sind wir Nachgeborenen wirklich so viel schlauer und mündiger?

Der nationale Interpretationsrahmen gab den Menschen Halt. In diesem Krieg wandten sich die Völker Europas gegen Deutschland, und jeder Deutsche hielt es für seine Pflicht, das Vaterland zu verteidigen. Das Warum, Wieso und Wozu dieses Krieges, seine Ursachen und seine Folgen wurden nur von wenigen hinterfragt. Allein die Reflexionsfähigkeit eines Intellektuellen wie Ernst Stadler lässt die Hoffnung zu, dass man aus der Geschichte lernen könne. Wer in der Lage ist, sein eigenes Handeln und auch alles, was um ihn herum geschieht, permanent zu reflektieren und sich eine kritische Distanz zu bewahren, kann sein eigenes Leben auch in einem größeren Kontext verstehen. Dies ist der einzige Weg, sich seines eigenen Handelns bewusst zu sein und es gegebenenfalls zu korrigieren.

Im diachronen Blick durch die Zeit zurück lernen wir, wie wir uns heute in Bezug auf die Frage nach Krieg oder Frieden richtig verhalten. Und wir ahnen, wie es sich im Sommer 1914 angefühlt haben muss, kurz vor einer radikalen Zeitenwende zu leben und den großen Rädern des Mahlwerks der Geschichte mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein.

Tillmann Bendikowski hat mit „Sommer 1914“ ein wichtiges und beeindruckendes Buch geschrieben, das aus der Vielzahl von Jubiläumsbänden zum Ersten Weltkrieg heraussticht.

Lesen Sie hier das Interview mit Tillmann Bendikowski auf der Leipziger Buchmesse 2014 über sein Buch „Sommer 1914“!

Autor: Tillmann Bendikowski
Titel: „Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst – wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten“
Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
ISBN-10: 3570101223
ISBN-13: 978-3570101223

 

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