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Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“

Am: | Januar 16, 2014

Im Sommer 1914 brach jene Urkatastrophe herein, die wir heute unter dem Namen Erster Weltkrieg in den Geschichtsbüchern finden. Diesem ersten globalen Krieg fielen nicht nur Millionen Menschen zum Opfer; die Wucht der Kriegsmaschinerie und das massenhafte gegenseitige Abschlachten in den Schützengräben ließ auch eine Zeit zu Ende gehen, die wir in der Rückschau als Belle Epoque bezeichnen.

Der Erste Weltkrieg besiegelte das Ende des „langen 19. Jahrhunderts“ und den Beginn des grausamsten und kriegerischsten Jahrhunderts seit Menschengedenken. In diesem Jahr ist das alles 100 Jahre her, und doch gibt es zum Glück viele Zeitdokumente, die uns das Ausmaß des Schreckens sichtbar machen können.

An vorderster Front – um ein passend-unpassendes Wortspiel zu verwenden – sind uns aus der Literatur jener Zeit einige wichtige und besonders lesenswerte Werke überliefert, die in der Lage sind, den allgegenwärtigen Wahnsinn des maschinellen Krieges nachfühlbar, nacherlebbar und somit auch begreifbar zu machen.

Allen voran muss hier der Antikriegsautor Erich Maria Remarque genannt werden – und natürlich sein erfolgreichster Roman „Im Westen nichts Neues“, der jetzt bei Kiepenheuer & Witsch in einer Sonderauflage mit einem interessanten Nachwort zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Romans erhältlich ist.

Remarque hatte seinen Roman 1928 sowohl dem S. Fischer Verlag als auch dem ullstein-Verlag angeboten. Er gab ein Typoskript ab, das sich zum Teil stark von der später gedruckten Fassung unterschied. Im Typoskript sind viele Passagen deutlich politischer und noch pazifistischer gehalten als in dem berühmten Antikriegsroman, der Remarque später weltberühmt machen wird.

„Im Westen nichts Neues“ erschien zunächst Ende 1928 in Auszügen bei der Vossischen Zeitung. Die Buchausgabe folgte dann 1929. Schon damals wurde der Autor durch seine Geschichte des einfachen Soldaten Paul Bäumler berühmt. Bereits im Juni 1930 hatte die deutsche Auflage die Millionengrenze überschritten. Bis heute gilt „Im Westen nichts Neues“ als der bekannteste deutsche Antikriegsroman. Ludwig Renns „Krieg“ (1928) und Edlef Köppens „Heeresbericht (1930) sind zwar im gleichen Atemzug mit Remarques Roman zu nennen, konnten jedoch nicht annähernd denselben literarischen und wirtschaftlichen Erfolg erzielen.

Ja selbst Ernst Jüngers aus Tagebucheinträgen komponiertes Werk „In Stahlgewittern“ (1920) mit seiner distanzierten Schilderung der grausamen Ästhetik des Krieges darf aufgrund seines den Krieg zum Teil verherrlichenden Tons aus heutiger Sicht und Rezeption als ein „Antikriegsroman“ bezeichnet werden; aber keiner der genannten Autoren konnte ähnliche Erfolge verbuchen wie der 1898 in Osnabrück geborene Erich Paul Remark, der sich später den Künstlernamen Erich Maria Remarque zulegte.

„Im Westen nichts Neues“ hat eigentlich keine richtige Handlung. Die Episoden des Buches sind jedoch alle miteinander verbunden, spielen mal an der Front, mal im Lazarett. Kampfszenen und Ruhepahsen wechseln sich ab. Allgegenwärtig bleiben aber der Schauder, das Grauen und der Schrecken der Bilder, die Remarque entwirft. Der Krieg ist immer da; er ist wie ein eiskalter Luftzug, der alles und jeden durchdringt und seine zerstörerische Kraft ohne Unterschiede der Person an jedermann entfesselt.

Remarques Roman wurde bereits 1930 unter der Regie von Lewis Milestone mit dem Titel „All Quiet on the Western Front“ für den US-amerikanischen Kinomarkt verfilmt. In Deutschland stieß Remarques Pazifismus vor allem in nationalkonservativen und nationalsozialistischen Kreisen auf massive Ablehnung. Als Remarque 1931 für „Im Westen nichts Neues“ für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, protestierte der nationalkonservative Deutsche Offizier-Bund (DOB) lautstark gegen diese Nominierung mit der Begründung, dass der Roman die deutsche Armee und deren Soldaten verunglimpfe.

Das politische Klima in Deutschland war bereits derart hitzig, dass Remarque bereits einen Tag nach der Machtergreifung  durch Hitler amm 31. Januar 1933 in die Schweiz emigrieren musste, deren Staatsbürgerschaft er seit 1932 neben seiner deutschen innehatte. Nach der Aberkennung seiner deutschen Staatsbürgerschaft 1938 emigrierte er ein Jahr später in die USA, wo er seine Arbeit forsetzte. Nach dem Krieg lebte er abwechselnd in den USA und der Schweiz, wo er schließlich 1970 starb, ohne jemals die deutsche Staatsbürgerschaft wieder zurück zu erlangen.

Wer sich dem grausamen Phänomen des Ersten Weltkriegs von seiner menschlich-unmenschlichen Seite her nähern und verstehen will, was Krieg bedeutet, sollte „Im Westen nichts Neues“ wieder einmal zur Hand nehmen. Der in dieser Sonderausgabe abgedruckte Text entspricht editorisch der Erstausgabe von 1929 aus dem Propyläen-Verlag Berlin.

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Autor: Erich Maria Remarque
Titel: „Im Westen nichts Neues“
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462045814
ISBN-13: 978-3462045819

 

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