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Kayt Sukel: „Schmutzige Gedanken – Wie unser Gehirn Liebe, Sex und Partnerschaft beeinflusst“

Am: | August 9, 2013

Die Gehirne von Mann und Frau seien mit zwei Glockenkurven vergleichbar, die unterschiedliche Bereiche stärker betonen, sich aber an vielen Stellen überschneiden. Neurobiologen wie Larry Cahill sind sich heute sicher, dass simple Dichotomien wie „Mars“ und „Venus“ die Disparität der neurophysiologischen Dispositionen von Männern und Frauen in den Bereichen Sex, Liebe und Partnerschaft nur unzureichend charakterisieren.

Ein schlaues und sehr gut verständlich geschriebenes Buch von Kayt Sukel ist jetzt in deutscher Übersetzung im Primus-Verlag erschienen und befasst sich genau mit diesen Fragen, die uns – seien wir mal ehrlich – eigentlich alle betreffen. Kayt Sukel hat Psychologie studiert und arbeitete in Harvard, bevor sie sich dem Wissenschaftsjournalismus zuwandte und heute neben mehreren eigenen Büchern vor allem für Magazine schreibt. Die Idee zu diesem Buch kam ihr, nachdem ihre Ehe zerbrochen war; sie dachte damals, es könne nicht schaden, sich dem Thema Liebe/Sex/Partnerschaft einmal von der wissenschaftlichen Seite her zu nähern.

Auf diese Weise entstand ein spannend geschriebenes Buch über ein Thema, das wohl jeden von uns schon einmal beschäftigt hat, nämlich über die Fragen, ob es zwischen dem männlichen und dem weiblichen Gehirn wirklich nachweisbare strukturelle Unterschiede gibt, die über solche Banalitäten wie „Warum Frauen nicht einparken und Männer nicht reden können“ hinaus gehen, und wie unser Gehirn unser Denken, Handeln und Fühlen in diesen Bereichen beeinflusst.

Kayt Sukel ist auf ihrer Suche nach den Unterschieden an vielen Stellen fündig geworden. Die abbildenden Technologien haben vor allem in den Neurowissenschaften während der vergangenen Jahre zu immer neuen Erkenntnissen geführt. Erstmals in der Geschichte dieser Wissenschaft ist es jetzt möglich die Vorgänge im Hirn „live“ zu beobachten. Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn Mann oder Frau einen Orgasmus haben? Welche Areale werden aktiviert, wenn wir an Sex denken, Liebe empfinden oder uns mit Partnerschaft beschäftigen?

Doch die Autorin zeigt auch an anderen verblüffenden Beispielen, wie unser Körper (und an erster Stelle unser Gehirn) auf sensorische Reize reagiert. Zum Stichwort Babygeschrei schreibt die Autorin: „Warum sollte ein Geräusch, das meine Brüste innerhalb von Sekunden dazu bringt, Milch abzusondern, nicht auch ein spezifisches Aktivierungsmuster im Gehirn bewirken können, wenn ich es in einem fMRI-Scanner höre?“ – Und in der Tat aktiviert das Babygeschrei bei jungen Müttern genau jene Areale, die mit Liebe in Zusammenhang stehen: die Basalganglien, den Gyrus cinguli, die Amygdala und die Insula. Alles was wir denken, fühlen und machen findet seinen sichtbaren Niederschlag in unserem Gehirn.

Der Titel „Schmutzige Gedanken“ (im Original: „Dirty Minds“) ist nicht unbedingt wörtlich zu nehmen; er führt den Käufer des Buches ein wenig in die Irre und dient wohl vielmehr als verkaufsfördernde Maßnahme. Es geht in Sukels Buch zwar um Sex, Liebe und Partnerschaft, aber weder die wenigen Abbildungen von schematischen Gehirnschnitten noch die in ihm beschriebenen Sachverhalte sind (zumindest nach europäischem Maßstab) „schmutzig“. Anzügliches und explizite bildliche Darstellungen sucht man in diesem Buch vergebens.

Vielmehr ist das vorliegende Buch ein schönes Beispiel angloamerikanischer Sachbuch-Literatur: Die zum Teil ziemlich komplexen Inhalte werden leicht verständlich und mittels zahlreicher Beispiele und Analogien aus dem alltäglichen Leben erklärt. Auf diese Weise wird nicht nur die Lektüre eines Sachbuchs über neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse zu einem echten Vergnügen, sondern der Lerneffekt stellt sich schon nach wenigen Abschnitten ein. Am Ende hat der Leser eine Menge über sich und sein Gehirn gelernt und weiß um die Unterschiede und Ähnlichkeiten von weiblichen und männlichen Gehirnen.

Wer sich also dafür interessiert, was im Gehirn vorgeht, wenn wir an Liebe, Sex und Partnerschaft denken – und wen interessiert das nicht? -, der ist mit dem neuen Buch von Kayt Sukel bestens bedient.

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Autor: Kayt Sukel
Titel: „Schmutzige Gedanken – Wie unser Gehirn Liebe, Sex und Partnerschaft beeinflusst“
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Primus Verlag
ISBN-10: 3863123565
ISBN-13: 978-3863123567

 

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