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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Annette Seemann: „Weimar – Eine Kulturgeschichte“

Am: | März 25, 2012

Die Geschichte beginnt vor etwa 230.000 Jahren, als sich einige Jäger und Sammler unter günstigen klimatischen Bedingungen im Zentrum des Thüringer Beckens ansiedelten und ihren Beschäftigungen nachgingen. Doch bis zur Gründung der Stadt Weimar und ihrer ersten urkundlichen Erwähnung sollten noch einige Hunderttausend Jahre vergehen.

Im Jahr 1249 war es endlich so weit: Die älteste überlieferte Erwähnung stammt aus einer Urkunde des Zisterzienserinnenklosters Oberweimar, in der von einem „Conradus Plebanus de Wimare“ die Rede ist. Zuvor erwähnte eine Urkunde der Siedlungsgebiete König Arnulfs schon 899 ein gewisses „Vvigmara“.

Doch so richtig los ging es erst viele Jahrhunderte später unter der Herzogin Anna Amalia. 1756 löste sie für Weimar so etwas wie eine Initialzündung aus. Das kleine Städtchen Weimar war ja eigentlich ein Flecken, der keine besonderen Vorteile bot: Es lag weder in der Nähe eines Flusses, noch waren bedeutenden Handelswege in seiner Nachbarschaft. Was tut man in solch einem Fall? Man macht sich hübsch und sucht nach einem anderen Vorzug, mit dem man werben kann.

Anna Amalia war eine voraus schauende und kulturinteressierte Frau. Schnell begriff sie, dass nur die Kultur ein wirklicher Standortvorteil des Weimarer Hofes sein konnte, und so setzte sie in ihrer Lebens- und Amtszeit alles daran, diesen Bereich zu fördern. Sie wurde Weimars erste und bedeutendste Kulturmanagerin.

Als die Herzogin Anna Amalia an der Seite ihres Gatten Ernst August II. Constantin die Amtsgeschäfte übernahm, war Weimar ein verschlafenes Nest mit etwa 6000 Einwohnern. Nicht ganz klein und unbedeutend, aber verglichen mit dem Hof in Dresden, das etwa zehn Mal so viele Einwohner hatte, eher zweitrangig. Doch der Zeitpunkt war günstig. Nach der Glanzzeit unter August dem Starken befand sich das Dresdner Barock in seiner Endphase.

Sein Sohn und Nachfolger August Friedrich II. führte zwar das Lebenswerk seines Vaters, so gut es ging, fort. Jedoch mit dem Beginn des Siebenjährigen Krieges 1756 wurde das Augusteische Zeitalter des Barocks beendet. Die Belagerung Pirnas vor den Toren Dresdens führte zur Auflösung der sächsischen Armee und gab den Startschuss für den Siebenjährigen Krieg, der anschließend zwar ohne Sachsen, aber doch oft auf seinem Gebiet stattfand.

Anna Amalia ist uns heute vor allem durch ihre Bibliothek ein Begriff. Sie liebte Bücher und lies ihre Bibliothek sogar öffentlich zugänglich machen. Für damalige Zeiten eine geradezu revolutionäre Maßnahme. Sie versuchte aktiv, wichtige Persönlichkeiten an den Weimarer Hof zu holen. 1762 holte sie den Grafen Johann Eustach von Schlitz genannt von Görtz nach Weimar. So gelang es ihr auch zehn Jahre später, den bekannten Dichter Christoph Martin Wieland als Lehrer ihres Sohnes Carl August anzuwerben.

Carl August setzte das Werk seiner Mutter fort und schaffte es, den jungen Goethe nach Weimar zu locken. Es war die Goldene Zeit des Weimarer Hofes, der als kulturelles Zentrum weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Es war die Zeit des literarischen Aufbegehrens, die man später als „Sturm und Drang“ bezeichnen wird. Goethes Anwesenheit in Weimar strahlte auf die Kunstwelt aus und machte Weimar zum Epizentrum eines kulturellen Neuanfangs. Goethe folgten Schiller, Herder und viele andere. Es war die Zeit der Weimarer Klassik.

Der „Geist von Weimar“ wurde zum Kern der „Marke Weimar“, auch wenn man früher nicht in solchen Kategorien dachte. Er wurde bewusst als kulturelles Gegenstück zum militaristischen „Geist von Potsdam“ verstanden, der unter Friedrich II. zur gleichen Zeit eine starke Macht ausübte. Weimar war ein Hof und eine Stadt des kulturellen Austauschs geworden, und diese Blüte wurde durch externe Faktoren wie die Französische Revolution und die Lehre des Königsberger Philosophen Immanuel Kant noch weiter voran getrieben.

Erste Zäsuren dieser bis dahin ungebremsten Entwicklung Weimars waren der frühe Tod Schillers 1805, im Jahr 1806 die Niederlage der preußisch-sächsischen Armeen gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt sowie der Tod Anna Amalias 1807. Politisch wurde die folgende kulturelle Phase des Klassizismus durch die Bestrebungen der deutschen Studenten zur Bildung einer deutschen Nation begleitet.

Jedoch Goethes Tod 1832 löste die vielleicht stärkste Identitätskrise Weimars aus. Schnell setzte eine starke Erinnerungskultur ein, die vor allem durch restaurative und konservative Bemühungen geprägt war, während sich viele Künstler auf die Suche nach einer neuen Identität Weimars machten. Wie es bei all zu großen Vorbildern der Fall ist, war die Zeit der Suche nach neuen Anhaltspunkten nach deren Verschwinden umso schwieriger. Weimars Silberne Zeit war angebrochen.

Die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trugen zu einer Öffnung des kulturellen Klimas bei. Restaurative Ansätze wie das Wartburgfest, das Schillerfest und die Shakespeare-Gesellschaft standen im direkten Gegensatz zum Fortschritts-Gedanken des 1843 nach Weimar gekommenen Musikers Franz Liszt, der 1848 mit der Gründung des „Neu-Weimarer-Vereins“ die bewusste Abkehr vom spießbürgerlichen Ansatz der Erinnerungskultur versuchte. Der Versuch gelang, und Weimar wurde wieder ein Ort des kulturellen Fortschritts und Neuanfangs.

Anfang des 20. Jahrhunderts war es der schillernden Persönlichkeit Harry Graf Kesslers zu verdanken, dass die Kunst und Kultur in Weimar zum wichtigsten Punkt Deutschlands wurde. Als Herausgeber der Kunstzeitschrift „Pan“ war er Mitbegründer des Allgemeinen Deutschen Künstlerbundes. Zusammen mit den Malern Lovis Corinth, Max Klinger, Alfred Lichtwark, Max Liebermann u.a. gründete sich so erstmals ein überregionaler Künstlerbund, der die einzelnen Secessionen zusammen fasste und zu einem zentralen Verband der modernen deutschen Malerei wurde.

Die Philosoph Friederich Nietzsche wählte Weimar als das Lebens- und Wirkungszentrum seiner letzten Lebensjahre. Nietzsches Schwester errichtete in diesem Haus das spätere Nietzsche-Archiv, das bis heute ein bedeutendes Zentrum der Nietzsche-Forschung ist.

Die Moderne Zeit, wie Annette Seemann die Phase von 1901 – 1925 nennt, ist in erster Linie geprägt durch das Ende des Wilhelminischen Zeitalters und den Ersten Weltkrieg. Die Arbeiteraufstände der Novemberrevolution und die Ausrufung der Weimarer Republik kündigten einen weiteren Neuanfang an. Künftig sollte Deutschland als Republik die ersten Schritte in Sachen Demokratie unternehmen. Keine leichte Aufgabe, da die überzogenen Forderungen der Reparationsleistungen der Versailler Verträge den revanchistischen Kräften in die Hände spielten und schon Anfang der 1920er den Vormarsch der Nationalsozialisten begünstigten.

1907 kam der Niederländer Henry van de Velde an die Weimarer Kunstgewerbeschule. Er war Mitglied im Deutschen Werkbund und Verfechter eines fortschrittlichen Verständnisses im Kunstgewerbe. Daher verwundertes nicht, dass sich 1919 unter Walter Gropius das Bauhaus in Weimar ansiedelte. Somit war auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Weimar zu seinen Wurzeln als kulturelles Zentrum zurück gekehrt.

Für die Nazis war Weimar schnell zum Zentrum ihrer reaktionären Bewegung geworden. Weimar wurde zum nationalsozialistischen Sehnsuchtsort einer deutschen Kultur verklärt, die in Gefahr sei, durch die Unterwerfung des deutschen Kaiserreichs und das freie Spiel der politischen Kräfte, zu denen auch die revolutionären Strömungen der Kommunisten und Sozialisten gehörten, vernichtet oder zumindest vergessen zu werden.

So beschworen gerade die Nazis während ihres Aufstiegs und der Schreckenszeit des zwölfjährigen „Tausendjährigen Reiches“ immer wieder den deutschen „Geist von Weimar“, der eigentlich die Hochzeit der deutschen Kultur während der Weimarer Klassik bezeichnete, von den Nazis jedoch als „Geist alles Deutschen“ zu ihren Zwecken verklärt und missbraucht wurde.

Nach der Machtübernahme durch Hitler 1933 verschwand Weimars Glanz für die kommenden Jahre. Die Braune Zeit von 1925-1945 wurde nicht nur durch den Zweiten Weltkrieg überschattet, sondern auch durch den Holocaust bestimmt, der die Vernichtungspolitik der Nazis an den Juden auch in der Nähe Weimars an einem ganz realen Ort kristallisierte: dem Ettersberg bei Weimar, besser bekannt als Buchenwald.

Im KZ Buchenwald wurden von 1937-1945 etwa 250.000 Menschen inhaftiert, von denen ca. 56.000 ermordet wurden. Nicht nur Juden, sondern auch Sinti und Roman, Homosexuelle, Wohnungslose, Zeugen Jehovas und Vorbestrafte wurden zwangsweise in dieses „Arbeitslager“ verbracht, systematisch ausgebeutet und umgebracht. Seit jener Zeit kann man nicht mehr an Weimar denken, ohne an Buchenwald zu denken.

Nach 1945 wurde wieder ein Neuanfang versucht. Nachdem die Nazi-Herrschaft nur durch die gemeinsame Anstrengung der Alliierten niedergerungen werden konnte, begann man unter sowjetischer Verwaltung im Osten Deutschlands sehr schnell mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung nach sowjetischem Vorbild.

Die Gründung der entsprechenden Organisationen, die Zwangsenteignung durch die Bodenreform und die Zwangskollektivierung der Bauernschaft, die Umstrukturierung des wirtschaftlichen Sektors, die Neuordnung der Legislative, Judikative und Exekutive sowie die Neuordnung der Verwaltungsbezirke waren erste konkrete Schritte einer Sowjetisierung des Landes lange vor der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik 1949.

Die Neuordnung der Verhältnisse machte natürlich auch nicht vor der Kultur halt. Schnell wurde die wichtige Rolle und Macht der Kultur als individuelle Ausdrucksmöglichkeit des menschlichen Lebens und ihre Kontrolle als zentrale Aufgabe der Kulturpolitik erkannt.

Eine Aufarbeitung der NS-Zeit fand in der DDR nicht statt. Weimar wurde als ideeller Ursprungsort der DDR und Buchenwald als Ort des sozialistischen Widerstands verklärt. Der so genannte „Buchenwald-Schwur“, der zur Gründung der Einheitsfront und der Volksfront führte, ist ein beredtes Zeichen für diese Verklärung.

Während der DDR-Zeit wurde Weimar zum synonym für eine eigene Kulturpolitik, die sich dem Andenken Buchenwalds verpflichtet fühlte und die Betonung auf den Kulturkampf gegen Imperialismus und Faschismus legte. Kultur war immer politisch und wurde ideologisch missbraucht.

So wurde auch bewusst Weimar als Sitz der „Weimarer Akademie“ gewählt, die 1962 als ein Gegengewicht zur bundesrepublikanischen „Gruppe 47“ gegründet wurde. Bereits neun Jahre zuvor organisierte der Staat die Weimarer Kulturstätten in den NFG, den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten. Der Erhalt der Kulturgüter Weimars und das Andenken an die Zeit der Weimarer Klassik wurden auch in der DDR zu einem zentralen Thema der Kulturpolitik.

In der Spätphase der DDR gingen von Weimar wieder andere Impulse aus. Die Friedensbewegung und Opposition der DDR fand im kirchlichen Umfeld ihr Zuhause. Der Widerstand gegen die politischen Verhältnisse nahm zu, und auch in Weimar fanden oppositionelle Gruppen und Künstler auf Demonstrationen und Veranstaltungen schon bald ein offenes Diskussionsforum, um über mögliche Veränderungen zu sprechen.

Mit der Wende 1989 brach das politische System der DDR zusammen und beendete die Rote Zeit Weimars, die von 1945-1990 dauerte. Seit 1990 erlebt Weimar, so Annette Seemann in ihrem Buch, die Bunte Zeit. Dieser Prozess ist immer noch nicht abgeschlossen. Nach der Einheit Deutschlands wurden viele Fehlentwicklungen der DDR-Zeit korrigiert und auch in Weimar ein klarer Neuanfang versucht.

Die NFG wurde in die Stiftung Weimarer Klassik überführt, die fortan das kulturelle Erbe Weimars bewahren und die Kultur der Stadt fördern soll. Einen ersten Höhepunkt dieser Renaissance Weimars waren die Ernennung zur „Kulturstadt Europas“ im Jahre 1999 und die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Jahre nach der Wende sind gekennzeichnet durch den umfassenden Versuch der Aufarbeitung der wechselvollen Kulturgeschichte Weimars. So sind die meisten Orte Weimars durch dessen Geschichte gleich mehrfach codiert. Seit der Zeit des Nationalsozialismus kann es auch keine Kulturgeschichte Weimars ohne eine Kulturgeschichte Buchenwalds geben. Die Unfassbarkeit jener schicksalhaften Verbindung von höchster Kultur und niederster menschlicher Gewalt als Spiegel der deutschen Seele ist und bleibt ein zentrales Thema der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts.

Der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in 2004 und die bis heute andauernden Bemühungen um den Wiederaufbau der Bibliothek und zur Rettung des beschädigten Bestandes sind ein deutlicher Beweis für die nationale Bedeutung Weimars als Ort des kulturellen Erbes. Leider zeigt die gegenwärtige Bundesregierung kein Interesse mehr an der öffentlichen Förderung dieser Rettungsaktionen: „In der Tat bekommen wir jetzt gar keine öffentliche Förderung mehr und sind zu hundert Prozent auf private Unterstützungen angewiesen.“, sagt Annette Seemann in unserem Gespräch auf der Leipziger Buchmesse.

Der Prozess der Aufarbeitung und Neupositionierung Weimars ist immer noch nicht abgeschlossen. Annette Seemann, die seit 2003 die Vorsitzende des Freundeskreises der Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek (GAAB) e.V. ist, sieht Weimars zukünftige kulturelle Rolle als Ort einer „aktiv betriebenen Kulturgeschichte, die selbst eine Aneignung von Kultur ist“. Kultur ist also das, was man daraus macht. Auf diese Weise könnte sich Weimar wieder einmal als ein Ort profilieren, von dem aus eine neue Bewegung ins Leben gerufen wird, die auf andere Kulturstätten und auf die kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft ausstrahlen könnte.

Annette Seemann lebt als Autorin und Übersetzerin in Weimar. Sie ist seit 2003 die Vorsitzende des Freundeskreises der Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek (GAAB) e.V. und hat bereits mehrere Bücher über Anna Amalia und Weimar heraus gebracht.

Ihr neues Buch „Weimar – Eine Kulturgeschichte“ ist der Versuch, die umfangreiche und vielschichtige Kulturgeschichte der Stadt Weimar in einem einzigen Buch zusammen zu fassen. Dass dies auf nur 464 Seiten gelungen ist, ist nicht nur ihrem umfangreichen fachlichen Wissen zu verdanken, sondern auch dem Überblick der Autorin und ihrem Mut zur Beschränkung.

Ausgehend von den Menschen, die diese Kultur während vieler Jahrhunderte immer wieder geprägt, weiter entwickelt und verändert haben, lässt Annette Seemann vor dem geistigen Auge ein bunt schillerndes Bild der Kulturstadt Weimar entstehen, das nicht nur über die Vielfalt des kulturellen Erbes staunen lässt, sondern auch Lust auf eigene Entdeckungstouren macht.

Eine bessere Werbung für Weimar kann man nicht machen: Weimar als Zentrum der deutschen Kulturgeschichte und als ein Ort wiederholter deutscher Identitätssuche. Wer sich für die deutsche Kultur interessiert, kommt an Weimar nicht vorbei – und auch nicht an dem exzellenten neuen Buch „Weimar – Eine Kulturgeschichte“ von Annette Seemann.

Das vollständige Interview mit Annette Seemann auf der Leipziger Buchmesse 2012 können Sie hier lesen.

Autor: Annette Seemann
Titel: „Weimar – Eine Kulturgeschichte“
Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
Verlag: Beck
ISBN-10: 3406630308
ISBN-13: 978-3406630309

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