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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Interview mit Else Buschheuer auf der Leipziger Buchmesse am 17. März 2012 über ihr Buch „Verrückt bleiben! – Mein Leitfaden für freie Radikale“

Am: | März 27, 2012

RALPH KRÜGER: Else Buschheuer auf allen Kanälen…

ELSE BUSCHHEUER: Ja, das erinnert mich ein bisschen an die Zeit, als „Ruf! Mich! An!“ herauskam. Da war das auch so. Es ist manchmal auch eine Zeitgeist-Geschichte, und das Thema spricht die Leute offensichtlich an. Gestern Abend nach der Lesung war ich ganz erfreut, wieviele verschiedene Altersgruppen da auf mich zukamen, sich bedankten und sagten: „Danke für die Tipps! Genau das werde ich jetzt machen…!“ – Ich als Ratgeber-Tante, hätt‘ ich nie gedacht…!

RALPH KRÜGER: Ihr neues Buch ist ja eigentlich auch wirklich ein Ratgeber, aber es ist auch eine ganze Menge Biografisches darin zu finden. Ich habe sehr viel Spaß gehabt beim Lesen, weil gerade diese Mischung es noch interessanter macht. Es fängt ja mit einer Geschichte im Kindergarten an und geht bis zu…

ELSE BUSCHHEUER: (lacht) … bis zu meinem vorweg genommenen Tod.

RALPH KRÜGER: So gesehen, brauchen Sie also im Grunde keine Biografie mehr schreiben, es ist alles schon drin. – Man kann dieses Buch jedoch wirklich wie einen Ratgeber lesen und damit arbeiten. Das Buch hat 25 Kapitel, und das sind 25 Schritte zu einem besseren, weil selbst bestimmten Leben. Das ist ja die Quintessenz Ihres Buches und auch Ihrer Lebenseinstellung: selber denken, selbst bestimmt leben und immer auch an die eigene Endlichkeit denken. Man sollte sich also in der Tat klar machen, dass das eigene Leben nicht ewig ist, sondern sehr wahrscheinlich – zumindest in dieser uns bekannten Form – zeitlich begrenzt und eines Tages vorbei ist. Auf diese tägliche Übung des Bewusstmachens weisen Sie in Ihrem Buch mehrmals hin. Das finde ich einen schönen Ansatz, der Mut macht, dem eigenen Leben ein bisschen mehr Würze und Abenteuer zu verleihen.

ELSE BUSCHHEUER: Danke. Man weiß ja auch nicht, wo im Leben man sich befindet. Ich wüßte gar nicht, ob ich dieses Buch aus der Mitte meines Lebens heraus schreibe, oder ist es schon das Ende? keine Ahnung! Wenn wir morgen der berühmte Ziegelstein auf den Kopf fällt, was ja sein kann, dann hab‘ ich immerhin schon mal resümmiert, da war ich schon weit vorn.

RALPH KRÜGER: Sie haben natürlich auch so schon Spuren in der Welt hinterlassen, aber mit diesem Buch noch einmal ganz besonders.

ELSE BUSCHHEUER: Die Verkaufszahlen werden natürlich hochschießen, wenn ich tot bin… und Ihr Interview wird auch hochschießen, denn da haben wir noch darüber gesprochen, und – bumms – nun ist sie tot… (lacht) „Das letzte Interview“…

RALPH KRÜGER: Ich habe mir bei der Lektüre jedoch die Frage gestellt, wie und ob Sie wirklich nach Ihren eigenen Vorgaben leben. Wie sieht Ihr Alltag aus? Gibt es eine Routine in Ihrem Leben? Wenn ich Sie nach Ihrem Buch einschätzen sollte, würde ich sagen, dass es für Sie die ständige Vorgabe gibt, möglichst spontan, abwechslungsreich und – im besten Sinne – planlos zu leben…

ELSE BUSCHHEUER: Ich versuche, möglichst spontan zu leben, wobei das natürlich im Widerspruch dazu steht, dass man das Ende bedenken solle. Ich bin auch sehr ambivalent und auch inkonsequent in dem, was ich verkünde. Hier schreibe ich zum Beispiel im Kapitel „Schlaf“, dass mein Gehirn erst ab Mittag arbeitet. Das stimmte beim Schreiben noch, aber inzwischen habe ich eine Phase, in der ich früh aufstehe, und schon stimmt es nicht mehr. Eigentlich müsste ich das Buch in einer neuen Auflage in manchen Aussagen korrigieren. Ich kann also nicht sagen, dass ich über das halbe Leben hinweg Rituale habe. Ich kann auch nicht sagen, dass jeder Donnerstag mein „Schlafanzug-Tag“ ist oder so… Aber ich versuche schon, bestimmte Dinge zu ritualisieren, zum Beispiel Tagebuchschreiben. Das gehört für mich seit zwei Jahren erst wieder dazu. Und der Prozess davor war, dass ich die Tagebücher meines Lebens gelesen und auch vernichtet habe, weil ich die letzten Tagebücher von Thomas Mann gelesen habe und so verstört war über die vielen Blähungen usw., dass ich dachte: Es ist zwar schön für mich zu lesen, aber das geht keinen etwas an… – Also, lebe ich das wirklich oder nicht? Um das kurz zu beantworten: Ja, was ich da schreibe, lebe ich, aber was ich da nicht schreibe, lebe ich auch. Insofern ist das Buch keine hundertprozentige Abbildung meiner Person.

RALPH KRÜGER: Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, solch ein Buch zu schreiben?

ELSE BUSCHHEUER: Zuerst einmal hatte ich diesen Sound im Ohr von jener Szene aus dem Film „Linie 1“. Da gibt es eine Szene, in der Dieter Hildebrandt in die U-Bahn kommt und im Zugabfertiger-Ton ruft: „Verrückt bleiben!“ – Und dann hatte ich vor ein paar Jahren, als ich anfing zu twittern, einen Tweet gemacht, der lautete: „Man wird davon verrückt, dass man anderen Leuten ständig geistige Gesundheit vorspielt.“ Damals hatte ich gedacht, das ist wirklich mein ureigenstes Problem, und das versteht niemand. Doch dann habe ich 434 Favs dafür gekriegt, das führt heute noch meine Fav-Liste an und ist mein meist prämierter Satz auf Twitter. Da habe ich gedacht: Geht es anderen Leuten vielleicht auch so? Mein Lieblingsbuch „März“ (von Heinar Kipphardt), das mich immer begleitet hat und das keine Sau kennt, was ich echt schade finde, habe ich mir dann noch einmal vorgenommen und mich gefragt: Warum ist der verrückt, und ich selbst gelte als normal, und was ist eigentlich der Unterschied? Nun kommt hinzu, dass ich vier Romane in relativ kurzer Zeit geschrieben habe und an dem fünften seit sechs Jahren schreibe… Eigentlich wollte ich bei Aufbau den fünften Roman machen, aber dann habe ich gemerkt, was man über mich denkt – mal war ich die Wetterfee, dann war ich die Amazone mit „Ruf! Mich! An!“, und dann war ich im Tempel, in New York – Ich musste erst einmal gucken, wo stehe ich und wer bin ich denn gerade?! Es wäre vielleicht schlauer, ein Buch zu schreiben, das ich immer im Hinterkopf hatte – „Verrückt bleiben!“, ich wollte es eigentlich viel schmaler machen so wie „Empört Euch!, ganz schmal und mit zehn Regeln -, um mich zu positionieren und zu schauen, ob es überhaupt einen Mehrwert in meinem chaotischen Leben gibt, von dem jemand sagt: Ach, da könnte ich für mich etwas rausziehen… Dass ich das vor den Roman setze, auch um Zeit zu gewinnen, war eine gute Idee. Da Aufbau gesagt hat, sie bringen auch „Ruf! Mich! An!“ wieder raus, sie machen meinen Roman und sie bringen „Verrückt bleiben!“ raus, deshalb ist es für mih der beste Verlag auf der ganzen Welt… (lacht)

RALPH KRÜGER: Ihr Buch ist ja sowohl für junge Leser geeignet als auch für ältere Menschen, denn es ist nie zu spät, Ihr Buch zu lesen und sein Leben zu ändern… Irgendwie ist es ja doch Ratgeber-Literatur im besten Sinne…

ELSE BUSCHHEUER: Ich kann mich auch nicht mehr innerlich dagegen wehren. Ich habe immer gesagt, naja, es ist ja eigentlich kein Ratgeber, und dann habe ich gesagt, es ist ein Ratgeber für Leute, die keine Ratgeber mögen, und dann habe ich gesagt, es ist eine „Überlebenshilfe“… Aber machen wir uns nix vor: Es ist ein Ratgeber. – Ich habe also im hohe Alter von 46 Jahren einen Ratgeber geschrieben. Ich lebe ja in der Wahnvorstellung, eine Schriftstellerin zu sein, eine Literatin, die Belletristik macht -, und jetzt habe ich einen Ratgeber geschrieben…

RALPH KRÜGER: Sie machen ja in Ihrem Leben viele verschiedene Sachen…

ELSE BUSCHHEUER: (lacht) … warum nicht auch mal einen Ratgeber schreiben, klar.

RALPH KRÜGER: Sie könnten ja auch die „Ratgeber-Tante“ der Zukunft werden, denn in Ihrem Buch ist ja schon alles vorbereitet: Sie könnten ja alles noch einmal schön auswalzen…

ELSE BUSCHHEUER: … und aus jedem Kapitel ein eigenes Buch machen?!

RALPH KRÜGER: Genau! Also: „Selber denken!“, ein Buch. Sie kennen doch auch diese Ratgeber-Szene, und so könnten Sie für jeden Punkt ein eigenes Buch herausgeben und damit reich und berühmt – oder besser: noch reicher und berühmter werden…

ELSE BUSCHHEUER: Ich könnte aber auch „Verrückt bleiben! 2“ herausgeben, denn mir ist aufgefallen, ich rede zwar über das „Fressen“, aber nicht über das Saufen! Auch ein interessantes Thema! Ich faste ja gerade, also ich trinke keinen Alkohol, finde das relativ langweilig, berausche mich aber daran, dass ich das durchhalte, und denke schon darüber nach, wie viele Kollegen wie ich auch gewohnheitsmäßig abends trinken… Die Frage stellt sich schon: Was bestellt man, wenn man abends in der Kneipe keinen Alkohol trinkt? Pfefferminztee? Apfelschorle? Ich bin jetzt inzwischen bei Tonic gelandet, das schmeckt so ein bisschen nach Gin Tonic. Ich muss also immer für die diese experimentellen Situationen für mih herstellen und dann gewinne ich vielleicht daraus irgendeine Erkenntnis.

RALPH KRÜGER: Auf jeden Fall machen Experimente das Leben spannender. Aber ich möchte noch einmal auf einen andere Punkt kommen: den möglichen Spielraum für solche Experimente. Wir haben uns jett darauf geeinigt, dass Ihr Buch ein Ratgeber ist. Sie selbst setzen die Schritte, die in Ihrem Buch aufgeführt sind, um. Ich selbst könnte sie auch umsetzen. Die meisten Menschen sind jedoch relativ gefangen in ihren sozialen Strukturen – in einer Familie oder einer Beziehung, durch eine Festanstellung -, die jene Menschen von Hause aus in eine ganz bestimmte Richtung drücken, so dass sie gar nicht mehr viel Spielraum für Experimente und Richtungsänderungen haben… Ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute Ihr Buch lesen und denken: Au ja, so würde ich auch gern sein, sich aber nicht trauen oder keine Kraft haben, wichtige Korrekturen auf ihrem Lebensweg vorzunehmen. – Mir fehlt also ein bisschen die Berücksichtigung des „normalen“ Lesers, wobei wir natürlich jetzt darüber reden könnten was normal ist und was verrückt…

ELSE BUSCHHEUER: Aber bin ich selbst denn nicht auch normal?

RALPH KRÜGER: Natürlich! Aber Sie haben auch Privilegien: Sie sind Schriftstellerin, Sie sind…

ELSE BUSCHHEUER: Aber diese Privilegien habe ich mir auf legitimem Weg erworben. Ich habe nichts gekonnt, ich kannte niemand, ich habe es einfach gemacht! Ich hatte die gleiche Ausgangsposition wie alle Anderen. Ich war auch in Ehen gefangen, mal hier, mal da. Aber es hat mir nicht gefallen.

RALPH KRÜGER: Man kann sich auch befreien.

ELSE BUSCHHEUER: Aber natürlich kann man sich befreien! Ich lasse mir auch nicht von jemandem weismachen, dass sie, nur weil sie zusammen ein Haus gekauft haben oder ein Sofa oder Kinder haben, weiter zusammen bleiben und sich immer heimlich streiten, wenn die Kinder schon schlafen, 18 Jahre lang, bis die die Kinder aus dem Haus sind… Das tut auch den Kindern nicht gut! Das wird eine Verlogenheit des Konstrukts Ehe vorgelebt, und oft ist es doch so, dass das Haus, was man sich kauft, der letzte Versuch ist, diese Ehe zu kitten.

RALPH KRÜGER: Oder die Kinder.

ELSE BUSCHHEUER: Oder die Kinder. Und jeder kann da raus! Ich glaube nicht, wenn mir einer sagt: „Ich bin arbeitslos, aber ich kann nicht arbeiten, denn wenn ich da arbeite, dann verdiene ich ja weniger und verliere den Anspruch auf…“ – Tja, dann kann man nicht raus. Dann hat er sich selber ein Gefängnis gebaut, weil er nichts riskieren will.

RALPH KRÜGER: Aber ich fürchte, das machen die meisten Menschen. Die haben sich eine Wohlfühlzone geschaffen, und solange das so bleibt, ändert sich auch nichts…

ELSE BUSCHHEUER: Und genau da passiert bei mir immer etwas! Da legt sich ein Schalter um. Ich weiß noch, als ich in sehr jungen Jahren und ohne große Erfahrung Spiegel-TV-Redakteurin war. Ich habe mich da einfach reingewuchtet, eigentlich war ich Praktikantin, dann habe ich gemerkt, da gibt’s auch Geld. Und dann lag dieser Vertrag vor mir, in dem stand, dass ich mit Eintritt des 60. Lebensjahres automatisch Anteile am Spiegel erwerbe… – Das wäre mein Leben gewesen, aber da habe ich Angst gekriegt. – Oder einmal hatte ich einen Freund gehabt, und es war nicht mehr so ganz, doch wir wohnten zusammen. Dann haben wir gedacht, kaufen wir uns ’n Sofa! Da haben wir uns ein teures Sofa gekauft, ein richtig teures, sinnloses Ledersofa, da hat die Verkäuferin gesagt, das hält ein Leben lang – und das war’s dann. – Er hatte dann den Einsitzer und den Zweisitzer genommen und ich den Dreisitzer. (lacht)

RALPH KRÜGER: Sie ziehen ja auch gerne um, habe ich gelesen…

ELSE BUSCHHEUER: Das ist eigentlich genau dasselbe Motiv: Ob es der Job, in dem mir der Stuhl zusteht und die Kaffeetasse und der Schreibtisch, oder ob es die Wohnung ist, in der ich die Nachbarn kenne und in eine gewisse Routine verfalle – Irgendwann werde ich unruhig und denke, jetzt wächst du vielleicht fest, und davor habe ich Angst. Vielleicht wird es mir eines Tages passieren, dass ich diese Angst verliere und sage, okay, jetzt sauge ich mir hier fest. Ein bisschen kommt mir das in der letzten Zeit so vor. Ich bin für meine Verhältnisse schon sehr lange am selben Ort – in Leipzig seit 2005. Das sind sieben Jahre! Das ist länger als alle meine Ehen zusammen… Ich weiß nicht, ob ich nicht mal wieder weiter ziehen sollte. Dann jedoch bin ich ja doch keine zwanzig mehr und denke, jetzt kenne ich doch schon alles und habe auch einen Hausarzt, der verschreibt mir immer Schlaftabletten und so… Das sind ja auch Dinge, die später mal wichtiger werden. Ich trage ja auch keine hohen Schuhe mehr, weil mir die Füße weh tun, und dann freue ich mich, wenn ich Stiefel kriege, wo ich meine Einlagen reinmachen kann… Die Dinge verlagern sich ein bisschen, aber genau davor werde ich wahrscheinlich eines Tages wieder weglaufen müssen.

RALPH KRÜGER: Es stellt sich ja immer die Frage, wo und wie man auf die Reise geht, ob physisch oder vielleicht auch im Kopf – Wichtig ist doch, dass es keinen Stillstand gibt, der zum Dauerzustand wird.

ELSE BUSCHHEUER: Und Routine ist eben auch Stillstand. Routine ist, dass man die Dinge gar nicht mehr überlegt: Man geht eben an derselben Stelle über die Straße… Und auch wenn es banal klingt, wenn ich sage, gehen Sie doch mal an einer anderen Stelle über die Straße, so ist das für manche Leute ein Riesenangang. Die sind so fest gefahren, die gehen nur an dieser selben Stelle! Und an der Stelle werden sie nichts finden, was sie bemerken…

RALPH KRÜGER: Man sollte also wach bleiben.

ELSE BUSCHHEUER: Wach bleiben. Man kann natürlich nicht 24 Stunden wach bleiben. Deswegen habe ich ja auch dieses Kapitel eingebaut – „Think small“ -, wo man sich wirklich mal zurück zieht und raus nimmt und nicht immer gleich einen „tanzenden Stern“ gebärt. Sondern mal im Schlafanzug ein Wurstbrot ist und verschwindet und nichts macht. Hyperaktive Menschen wie ich müssen sich manchmal zwingen, wirklich nichts zu machen. Für mich ging nach der Berlinale, auf der wir auch „Kino Royal“ produziert hatten, sofort die Buch-PR los… Ich befinde mich jetzt in einer Art „manischer Phase“, und ich habe furchtbare Angst, wenn die aufhört! (lacht) Wenn die aufhört und ich muss weitermachen, dann wird’s übel. Aber bis jetzt macht’s noch richtig Spaß.

RALPH KRÜGER: Wir haben heute den 17. März 2012, und morgen haben Sie Namenstag – oder besser: Neu-Namenstag!

ELSE BUSCHHEUER: Das stimmt! Das war der 18. März 1986…

RALPH KRÜGER: Seitdem heißen Sie nicht mehr Sabine, sondern Else.

ELSE BUSCHHEUER: Seitdem heiße ich Else und zwar so definitiv, dass ich eine neue Geburtsurkunde bekommen habe, neue Ausweise und alle Papiere neu. – Mir war damals nicht bewusst, dass das Eltern offenbar auch verletzen kann. Meine Tochter habe ich Wilhemine genannt, die ist damit nicht glücklich. Aber ich würde es, falls sie den Wunsch hätte, sich Micky Maus zu nennen, es sofort machen, auch wenn ich es nicht verstehe oder nicht schön finde, weil ich weiß, wie wichtig das für diesen Menschen ist, den es betrifft! Der muss ja damit leben. Insofern habe ich damals überhaupt kein Unrechtsbewusstsein gehabt. Ich habe das später vor allem dadurch bemerkt, dass mich meine Eltern viele Jahre gar nicht beim Namen genannt, sondern immer nur „Tochter“ gesagt haben.

RALPH KRÜGER: Es gibt ja hierzu auch ein Kapitel in Ihrem neuen Buch. Ich finde das einen spannenden Ansatz, dass der eigene Name den Lebensweg einen Menschen mit prägen kann.

ELSE BUSCHHEUER: Er muss es nicht. Es gibt auch Leute wie Thomas Gottschalk oder Herbert Grönemeyer, die aus ihren Namen eine Art Label gemacht haben. Aber

mir selbst hat es geholfen, meinen Vornamen zu ändern. Denn ich wäre allein wohl nicht aus diesem Lebensweg heraus gekommen.

RALPH KRÜGER: Else haben Sie sich genannt nach der Malerin und Schriftstellerin Else Lasker-Schüler.

ELSE BUSCHHEUER: Die ich inzwischen gar nicht mehr so toll finde… Aber das ist ja egal. Ich glaube, am Anfang steht die Imitation, dann will man so aussehen, so reden und so denken und studiert das. Das ist wie ein kleines Studium dieser Person. Und irgendwann streift man diese Person ab. So stelle ich mir auch nicht mehr die Frage, ob ich mich nach meiner lieblingsdichterin benannt habe. Einerseits war es eine sehr ungewöhnliche Aktion für DDRler 1986. Wenn man andererseits mit einem kritischen Blick drauf guckt, hätte ich diese Energie auch in das Drucken von Flugblättern und in das langsame Einreißen der Mauer stecken können, und das habe ich nicht gemacht. ich habe lieber Unsinn gemacht… Eigentlich könnte man sagen, dass es Übermut war, aber mir hat’s geholfen. Es war Aktionskunst.

RALPH KRÜGER: Ihr Buch gibt ja eine ganze Reihe Anleitungen zu einem selbst bestimmteren Leben. Mir fehlt allerdings ein wenig die soziale Komponente. Es muss ja nicht jeder die Welt verbessern wollen und sich in und für die Gesellschaft engagieren. Aber das ist ein Bereich, der für mich so ein bisschen außen vor bleibt. man liest Ihr Buch, das ja eine Mischung aus biografischen Details und einem Lebensratgeber ist, wie einen Leitfaden…

ELSE BUSCHHEUER: Sie meinen, ich sollte sagen: „Kaufen Sie Biostrom und trinken Sie Öko-Kaffee und tun Sie Gutes…?!“ Sehen Sie, das will mir nicht über die Lippen. Das klingt heuchlerisch, obwohl ich selbst auch diverse Dinge, finde ich es einfach nur eklig, wenn Leute mit mir in Talkshows sitzen und sagen: „Ja, meine Charity-Geschichten…“ – Das habe ich neulich aus Bock in einem Vorgespräch zu einer Talkshow gemacht. Da hat er gefragt, gibt es Themen, über die Sie sprechen möchten? Und ich habe blasiert geantwortet: „Oh ja, ich habe da verschiedene Charity-Projekte…“ (lacht)

RALPH KRÜGER: Die „Else-Buschheuer-Stiftung“ – zur Förderung von Else Buschheuer!

ELSE BUSCHHEUER: Das wäre ja noch mal eine Idee… Aber nein, Sie haben natürlich Recht, und im Teil 2, in den auch das Saufen rein kommt, da kommt das vielleicht auch rein, wobei ich mir nicht vorstellen kann, das „gutes tun“ zu nennen. Aber manchmal haben die Amis eine sehr poetische Sprache, und auf der Berlinale hat Angelina Jolie nicht aufgehört zu sagen: „I want to make movies that matter.“ – Das hat mir gefallen.

RALPH KRÜGER: Oder eben auch „Living a life that matters“, womit wir bei den Spuren sind, die man in der Welt hinterlassen sollte. – Leben Sie eigentlich allein?

ELSE BUSCHHEUER: Ja.

RALPH KRÜGER: Gerne?

ELSE BUSCHHEUER: Sehr gerne! Was nicht heißt, dass ich zölibatär lebe… Wenn ich einsam werde, gehe ich zu Leuten, die ich kenne. Ich habe da ein Auffangnetz für alle bedürfnisse. Ich kann es mir nicht mehr vorstellen, und ich habe auf dem Altar der Liebe schon oft das Alleinleben geopfert und mit Männern gelebt, die schnarchen oder gern schrecklichen Fußball gucken… Als freiheitsliebende Frau ist das größte Gut, das man auf dem Altar der Liebe opfern kann, eben diese Freiheit. Man kocht ihm Essen , was einem selber gar nicht schmeckt, und man isst mit ihm, obwohl man gar keinen Hunger hat, und man fragt ihn auch, wie der Tag war, obwohl man gar nicht sprechen möchte. Ich glube, dass Beziehungen eine latente Aggression aufbauen, wenn sich beide mehr aneinander anpassen. Ich kenne auch andere Fälle: Ich kenne Paare, die sich seit zwanzig Jahren streiten und glücklich sind, das gibt es auch. Aber da verliere ich zuviel Energie dabei, dafür bin ich zu egoistisch.

RALPH KRÜGER: Sind die Ehe und die Familie vielleicht Auslaufmodelle, die in der hergebrachten Form nicht mehr in unsere Zeit passen?

ELSE BUSCHHEUER: Ich glaube schon. Andererseits schauen Sie auf die Schwulen und Lesben: Die sind jetzt so stolz, dass sie endlich heiraten können, dass sie die sterbende Institution Ehe mit neuem Leben erfüllen. Auch wenn zum Beispiel ein Mann zur Frau wird: Der wird oft alle Klischees erfüllen, die eine Frau hat, der wird trippeln und mit dem Arsch wackeln und alles machen, was wir endlich ablegen… (lacht) man weiß also nie, wohin die Spirale führt. Es gibt ja auch noch eine Komponente der Sicherheit und der Zuständigkeit… Ich weiß nicht, wenn Joachim Gauck Bundespräsident wird und mal ins Krankenhaus muss, ob sie dann seine Freundin da reinlassen? Man muss ja immer auch bedenken, wer ist zuständig, wenn dem Partner was passiert? Ich denke, ich bin mittlerweile aus meinen Erfahrungen heraus gegen die Liebesheirat. Aber ich könnte mir durchaus vorstellen, auch selbst noch mal zu heiraten, aber aus anderen Erwägungen heraus.

RALPH KRÜGER: Glück suchen, Glück finden, Glück genießen. Das beinhaltet ja auch, dass man den Glücksmoment als solchen erkennt und wirklich bewusst wahrnimmt. Das kann man trainieren, behaupten Sie.

ELSE BUSCHHEUER: Ja, das kann man. Wenn ich von mir sage, dass ich eine eifrige Sammlerin von Glücksmomenten, dann halte ich natürlich auch Ausschau nach solchen Momenten. Meine Erkenntnis, dass nicht nur Glück, sondern auch Unglück spürbar ist, ist natürlich nicht neu. Aber alles, was im Buch zum Teil banal klingt, ist für mich nicht banal gewesen, weil ich es selbst erfahren und erkannt habe. Für mich ist also ein Satz wie „Der Weg ist das Ziel“ nicht banal. Genauso wie „Das Glas ist halbvoll“, das ist nicht banal. Für jemanden, der nie wirklich weiter darüber nachgedacht hat, sind diese Sätze leer. Der denkt, das habe ich doch schon tausendmal gehört, doch er hat es nicht verstanden.

RALPH KRÜGER: Ich finde, dass es Ihnen in „Verrückt bleiben!“ sehr gut gelungen ist, dieser Banalität zu entkommen. Sie füttern das Ganze ja auch mit vielen Filmzitaten, Beispielen und Anekdoten an. Aber das bringt mich zu einer anderen Frage: Wie gehen Sie an solch ein Buchprojekt konkret heran? Wie schreiben Sie?

ELSE BUSCHHEUER: Bei diesem Buch hatte ich zumindest eine grobe Vorstellung von den Kapiteln, obwohl viele dazu gekommmen und manche weg gefallen sind. Aber bei einem Roman habe ich eine Idee, wie er sein könnte, und die ist schon nach zehn Seiten überhaupt nicht mehr gültig. Ich habe zum Beispiel bei diesem Roman, den ich jetzt schreibe und wo ich schon zwei Drittel habe und den ich selber wirklich bisher toll finde, keinen Plan, wie es weiter geht, überhaupt keinen Plan… Ich hab‘ keine Ahnung, es könnte alles passieren… Aber ich bin im Moment auch noch durch die PR für dieses Buch hier so im Kopf gefangen, dass das gar nicht geht. Ich habe mir neulich sogar für fünfhundert Euro eine Frau, die einen aus der Schreibblockade holt, aus Hamburg kommen lassen. Die hat ein Prinzip entwickelt, das heißt „limbic script“, und hat dann imer dieses Ja-Nein-fragespiel gemacht – Sind Sie auf jemanden neidisch? Haben Sie Probleme? und so. ich sollte mir Figuren vorstellen, und wenn ich dann geleugnet habe, dann hat sie das gemerkt… Stundenlang ging das! Dann habe ich meine Romanfiguren aufgestellt, wie bei einer Familienaufstellung war das. Am Schluss hat sie nur gesagt, dass es mit dem Schreiben jetzt sowas von losgehen wird, und fünfhundert Euro bitte! (lacht) Aber irgendwo baue ich solch eine Figur auch mal in einem Roman ein…

RALPH KRÜGER: Aber solch eine Ablenkung hellt doch manchmal auf und hilft, in einem Projekt weiter zu kommen.

ELSE BUSCHHEUER: Es arbeitet natürlich weiter, wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, nicht. Bei mir ist das mit dem Twittern und Facebook so: Wenn ich ganz intensiv an einer Kolumne schreibe oder an einem Text, und ich habe einen Gedanken, der mich stört und quer schießt, dann schicke ich den ab und dann ist der weg. Wenn ich viel twittere, dann bin ich nicht etwa faul, sondern ganz intensiv am Arbeiten.

RALPH KRÜGER: Dann twittern Sie die störenden Gedanken weg, auch ein hübsches Bild! Apropos Twitter und Facebook: Sie haben vor einer Weile Ihre Homepage geschlossen und steuern Ihre Kommunikation jetzt nur noch über Twitter.

ELSE BUSCHHEUER: Klar, ich weiß, dass ich mich so einer Riesenfirma wie Facebook ausliefere, indem ich nur noch dort stattfinde. Aber wenn ich mich irgendwann einmal ganz aus dem Netz verabschiede, wofür es keinen Plan gibt, was aber sein kann, dann bin ich halt weg. Es wird schon Wege geben, mich zu erreichen, und wenn nicht, dann nicht.

RALPH KRÜGER: Zumindest gäbe es den Weg über Ihre Bücher…

ELSE BUSCHHEUER: Genau. Die können dann alle an den Aufbau-Verlag schreiben.

RALPH KRÜGER: Wir sind ja hier auf der Leipziger Buchmesse, die alljährlich von einer wahren Manga-Welle überschwemmt wird. Gefallen Ihnen eigentlich diese vielen jungen Leute in den bunten Kostümen?

ELSE BUSCHHEUER: Die gefallen mir sehr! Vorhin wurde ich zusammen mit Clemens Meyer von MDR-Figaro interviewt, und Clemens Meyer findet die gar nicht toll; er meinte, dass solche Leute nicht auf die Buchmesse gehörten. Aber schauen Sie doch mal im Gegensatz dazu so manche Autoren und Verlagsmitarbeiter an! Das ist ja zum Teil richtig trostlos, auch farblich, was man da sieht. Und so betrachtet, ist es doch wunderbar, dass mein Auge sich freut!

RALPH KRÜGER: Und vielleicht werden die Manga-Fans ja auch irgendwann mal Leser von Sachbüchern oder von Büchern von Else Buschheuer…

ELSE BUSCHHEUER: Vielleicht! ich war neulich zu einem Radio-Interview eingeladen, und die Kollegin hatte versucht, mein Buch vorher zu lesen, und hat als Erstes gesagt, dass ihr siebzehnjähriger Sohn gefragt hat, wo ist denn das Buch von der Frau mit dem Hängelid? Das wollte er noch fertig lesen. Und ich dachte immer, das merkt man nicht, aber das ist eben diese Augenkrankheit. Aber alles, was bei mir kleben blieb, war nicht das Hängelid, sondern dass ihr siebzehnjähriger Sohn mein Buch liest! Hätte ich gar nicht gedacht…

RALPH KRÜGER: Ich möchte doch noch einmal auf den Schreibprozess zurück kommen. Wenn Sie jetzt an einem Roman schreiben, dann sagten Sie vorhin, Sie haben eine Grundidee und fangen dann einfach mit dem Schreiben an. Sehen Sie dann selbst, wo es Sie hinträgt oder wie läuft das ab?

ELSE BUSCHHEUER: Ich habe immer gedacht, man solle sich bei solchen Fragen viel mehr selbst inszenieren und zum Beispiel sagen: „Ja, ich schreibe da immer noch auf dieser alten Schreibmaschine…“ Aber ich schreibe leider total langweilig. Ich rieche weder an einem faulen Apfel wie Schiller, noch brauche ich einen bestimmten Liegestuhl oder bestimmte Stifte um zu schreiben. Ich schreibe am Laptop. Ich muss alle zwei, drei Seiten ausdrucken, habe also einen unheimlichen Verbrauch an Druckerpatronen im Schreibprozess, weil ich an dem Schirm nicht gut sehen kann. Ich schreibe auch nicht, indem ich mir die Buchseiten simuliere, sondern ich schreibe normale A4-Seiten, und über den Daumen gepeilt, entspricht dann bei meiner Schriftgröße eine A4-Seite in etwa zwei Buchseiten. Es ist also ganz unspektakulär, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Ganz selten bin ich auch in gnadenreichen Momenten voller Inspiration wie im Tunnel und vergesse die Zeit beim Schreiben. Aber diese Momente kann ich an den Fingern einer Hand abzählen.

RALPH KRÜGER: Und wie ergeht Ihnen bei Ihrem jetzigen Roman, an dem Sie schon so lange schreiben? Haben Sie einen Abgabetermin?

ELSE BUSCHHEUER: Nunmehr ja. Der Ansatz war folgender: Ich habe 1997-1999 das Wetter moderiert und gleichzeitig meinen ersten Roman geschrieben. Damals träumte ich davon, vom Schreiben zu leben. Jeder junge Autor dachte ich, jetzt muss ich anschaffen gehen, um meine Bücher zu schreiben. Und dann habe ich vom Schreiben gelebt. Weil meine ersten beiden Bücher erfolgreich waren, habe ich relativ hohe Vorschüsse gekriegt, das war damals noch die Zeit, und konnte davon dann in New York irgendwie überleben. Das erste Viertel des Vorschusses brauchte ich zum Start, dann merkte ich, dass ich das zweite Viertel brauchte, bei Erscheinen des Romans brauchte ich bereits das dritte Viertel… Eigentlich war dies sogar eine schlimmere Form der Prostitution, weil ich dann gedacht habe, ich muss bis morgen noch zehn Seiten schreiben, egal womit. Ich glaube auch heute noch, das merkt man den beiden Romanen an, dass ich unter diesem Druck stand. Dann habe ich gedacht, ich will überhaupt keine Vorschüsse mehr, ich will auch keine Abgabetermine, ich will von anderen Dingen leben. Ich will nur noch mein Buch abgeben, wenn ich meine, das ist das schönste, das tollste Buch der Welt, und wirklich fest davon überzeugt bin. Jetzt habe ich gemerkt, dann dauert’s auch mal zwanzig Jahre bei mir. Also geht das auch nicht. Und jetzt habe ich einen Abgabetermin im August. Ich wollte mir eigentlich zehn Tage am Stück schaffe, damit ich richtig wieder rein komme. Doch immer wenn ich wieder richtig drin bin, muss ich wieder irgendwohin.

RALPH KRÜGER: Das ist ja jetzt auch ein ziemlich schlechter Zeitpunkt…

ELSE BUSCHHEUER: Vor allem fragen mich jetzt die Verlagsleute: „Und wie geht’s mit dem Roman…?“, und ich sage nur, ich möchte nicht darüber sprechen. Mir wird aber signalisiert, wenn ich den Termin nicht schaffe, dass wir das auch schieben können. Es ist also nicht so, dass ich dann abgeführt werde und vertragsbrüchig bin. Ich möchte nur selbst fertig werden, denn manchmal stirbt einem solch ein Stoff auch unter den Händen weg.

RALPH KRÜGER: Das kann ich mir vorstellen, dass einem das Thema nach einer solch langen Zeit vielleicht…

ELSE BUSCHHEUER: Ja, man will’s gar nicht mehr behandeln, denn man ist selbst schon ganz woanders. Also schreibe ich diesen Roman immer wieder neu. Das heißt, ich schreibe nicht bei Seite hundertzwanzig weiter, sondern wieder vom Anfang an. Deswegen dauert’s auch so lange. Ich muss immer wieder von vorne anfangen. Von der Masse her sind also zwei Drittel fertig, aber von meinem Gefühl her ist es erst die Hälfte. Das wird also ein dickes Ding, wenn’s fertig ist. Ich werde Ihnen aber nicht verraten, worum’s darin geht…

RALPH KRÜGER: Else Buschheuer, vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

ELSE BUSCHHEUER: Ich danke Ihnen.

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