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Mary Bauermeister: „Ich hänge im Triolengitter – Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen“

Am: | Oktober 28, 2011

Wenn Karlheinz Stockhausen mit einer Komposition beschäftigt war, dann ließ ihn das auch nachts nicht los. Mary Bauermeister berichtet, wie sie ihn eines Nachts aus einem unruhigen Schlaf weckte und Stockhausen, halb wach, halb schlafend um Hilfe rief: „Ich hänge im Triolengitter!“ – „Sein Kopf war im Traum wie eine Note im System der Notenlinien gefangen gewesen, und er hatte große Mühe mit dem Versuch der Befreiung.

Mary Bauermeister ist Künstlerin. Allein diese Aussage ist zu kurz gegriffen und reduziert diese faszinierende Frau auf einen einzigen Lebensbereich. Ebenso gut könnte man sagen, dass Mary Bauermeister auch seit 1957, als sich die beiden auf der Straße das erste Mal begegneten und erkannten, die Frau an Karlheinz Stockhausens Seite war; dies ist wörtlich zu nehmen: Auch wenn Mary Bauermeister niemals die einzige Frau in Stockhausens Leben war, so war die Verbindung zwischen beiden Künstlern von solch einer Tiefe und Universalität, dass sie die Kraft besaß, alle Widerstände sowie Raum und Zeit zu überwinden.

Diese Verbundenheit zweier Künstler war ein einzigartiges Geschenk, das beide gern und dankbar annahmen. Auf ihren Gebieten überwanden beide immer wieder konventionelle Grenzen und stießen Türen in neue Dimensionen auf – Stockhausen in der Elektronischen Musik und Mary Bauermeister in der Bildenden Kunst.

In den frühen 60er Jahren lebten die beiden mit Stockhausens Ehefrau Doris und den Kindern in einer „Ménage à trois“, was im katholischen Köln eine echte Provokation war. Die Liebe war echt, verstieß jedoch gegen alle damaligen gesellschaftlichen Konventionen. Vor allem Stockhausen rang immer wieder mit seinem katholischen Glauben.

Ehefrau Doris verstand wohl instinktiv, dass einem Ausnahmekünstler und Genie wie Stockhausen nicht mit denselben Kriterien begegnet werden kann wie einem „normalen“ Ehemann. Stockhausens Kosmos war viel weiter und umfassender, sein Herz viel zu groß für einen einzigen Menschen: „Stockhausen war kein Don Juan. Er war nicht leichtfertig, sondern er hat immer tief mit seiner Sittlichkeit gerungen und er liebte seine Frauen wirklich.“ sagt Mary Bauermeister im Gespräch mit kulturbuchtipps.

In „Ich hänge im Triolengitter“ beschreibt Mary Bauermeister einen wichtigen Abschnitt ihres Lebens. Jene Jahre mit Stockhausen waren in vielerlei Hinsicht fruchtbar für beide Künstler. Aus dieser Liebe wurden zwei Kinder geboren, Julika und Simon Stockhausen.

Im Kölner Atelier Bauermeister in der Lintgasse begann sich die Prä-Fluxus-Bewegung zu treffen, und die Offenen Abende wurden schnell zu einem der interessantesten Events der deutschen Kunstszene der späten Fünfziger und frühen Sechziger Jahre. Später berühmte Künstler wie John Cage, Nam June Paik, David Tudor oder Christo gingen dort ein und aus.

1962 ging Mary Bauermeister nach New York und arbeitete im Umfeld von Duchamp, Jasper Johns und Robert Rauschenberg. In New York war sie sehr produktiv und erfolgreich. Die zeit in Amerika verhalf ihr endlich zum Durchbruch machte sie zu einer international anerkannten Künstlerin.

In den 1970er Jahren ging Mary Bauermeister nach Deutschland zurück. 1973 wurde die Ehe mit Karlheinz Stockhausen geschieden, doch die beiden blieben bis zu Stockhausens Tod 2005 eng verbunden.

„Ich hänge im Triolengitter“ ist mehr als die Biographie einer Liebe. Es ist eine Liebesgeschichte, es ist ein Buch über Kunst, über das Leben und die Liebe, ein Buch über Entscheidungen und große Gefühle, ein Buch über Glück, Freude und Schmerz, ein Buch, das den Leser von der ersten Seite an packt und nicht mehr los lässt.

Die Idee zu diesem Buch kam Mary Bauermeister spontan während einer Buchpräsentation der Edition Elke Heidenreich in München. Nach der Veranstaltung sprach Mary Bauermeister sie an und erzählte kurz von ihrem Leben mit Stockhausen. Nach wenigen Minuten war man sich einig.

Mary Bauermeister hat viel zu erzählen. Die Lebensjahre mit Karlheinz Stockhausen sind nur ein Ausschnitt aus ihrer Lebensgeschichte, wenn auch ein sehr wichtiger. Schwieriger als die 334 Seiten des Buches zu füllen, war die Auswahl und Beschränkung der Vielschichtigkeit des Stoffes. Immer wieder mussten die handgeschriebenen Manuskriptseiten von Parallelkonstruktionen und weitläufigen Nebenthemen und –handlungen bereinigt werden.

Die Lektoren des C.-Bertelsmann-Verlags haben hier eine gute Arbeit geleistet und dem Manuskript zu einer sehr fokussierten Verdichtung und chronologischen Stringenz verholfen und gleichzeitig die atmosphärische Faszination erhalten. Die sprachliche Kompetenz und Stilsicherheit der Autorin sind für ein Debüt bemerkenswert; sie belegen Mary Bauermeisters Talent, mit Sprache umzugehen – ein Talent, das für eine Künstlerin der bildenden Künste nicht als selbstverständlich vorauszusetzen ist.

Wer Mary Bauermeister begegnet, wird sich ihrer starken Ausstrahlung nur schwer entziehen können. Mit ihren 77 Jahren wirkt sie lebendiger als so manche Zwanzigjährige. Diese Zufriedenheit liegt wohl auch an ihrer Entscheidungsfreude und daran, dass sie auf ein reiches Leben zurück schauen kann, in dem sie immer auf ihre Intuition vertraut hat.

Wie man solch ein Leben führt, erfährt der Leser von der ersten Seite an während seiner Lektüre dieses fesselnden Buches. „Ich hänge im Triolengitter“ gehört zu den lesenswertesten Neuerscheinungen des Bücherherbstes. Für Stockhausen-Adepten und freunde der Kunst von Mary Bauermeister sowieso, aber eben auch gerade für alle Leser, die mit Karlheinz Stockhausens Musik oder mit der abstrakten Kunst der frühen 1960er Jahre noch nie so richtig etwas anfangen konnten: Lesen Sie dieses Buch und Ihnen werden die Augen geöffnet für eine vergangene Welt der Kunst, des Klangs, der Liebe und des zuversichtlichen Aufbruchs, wie man sie heute vergeblich sucht.

Unser einstündiges Interview mit Mary Bauermeister auf der Frankfurter Buchmesse 2011 können Sie hier lesen.

Autor: Mary Bauermeister
Titel: „Ich hänge im Triolengitter! – Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen“
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann
ISBN-10: 3570580245
ISBN-13: 978-3570580240

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